Buch 
Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
Entstehung
Seite
72
JPEG-Download
 

rüsteten für ihren Besitzstand. Die große Spannung, die überdiese Verhältnisse herrschte, würde gleichwohl vorübergegangensein, wenn nicht das pfälzische Haus durch seine guelfische PolitikOesterreich zu einem Kampfe um seine Existenz herausgeforderthätte, grade wie die protestantischen Großen in Frankreich durchGefährdung der Staatseinheit das Königthum zu einem Kampfeder Selbsterhaltung zwangen. Die Psalzgrafen waren mit denfranzösischen Hugenotten in fortwährenden Beziehungen gewesen;sie unterhielten Verbindungen mit den verwandten Dräniern undStuarts; sie nahmen in ralvinischem Eifer Theil an allen Bewe-gungen des Protestantismus in Europa, ließen ihre Prinzen inFrankreich und Nicderland mitkämpfen, und nährten in ihremHaus den Gedanken einer großen Verbindung zur Förderung dercalvinischen Reformation. In Heinrichs IV. großen, Oesterreichfeindlichen Planen spielte die Pfalz an der Spitze der protestanti-schen Union (1608) eine bedrohliche Rolle. Aber selbst als mitHeinrichs Tode den protestantischen Hoffnungen ihr bester Kernausgebrochen war, stand noch 1618 alles für Oesterreich auf demSpiel, als die Familienglieder deS Hauses unter sich im Bruder-kriege, die Protestanten in Oesterreich zum Abfalle reif, die Böh-men in offner Empörung waren und ihre Krone dem Pfalzgrafenanboten, während zugleich Ungarn einen Prätendenten hatte.Damals konnte die Pfalz den Plan fassen, der noch zur Zeit deswestphälischenFriedenS die energischenKöpfeDeutschlands bewegte,wie in unserer Zeit wieder, Oesterreich nicht nur aus der Kaiser-würde sondern auch aus dem Reich zu drängen, und Sullh be-fürchtete damals das Aeußerste für dieses Haus, wenn nicht baldein tapferer und staatskluger Kaiser aus ihm entspringe, der dasReich und seine Glieder zu vereinigen wisse. Soweit reichte wederdie Tapferkeit der Ferdinande noch ihre Staatskunst. Sie gingnicht weiter als bis zu der von Karl V. ererbten Arglist und Ge-