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Denn dort entschied das Bedürfniß allein, hier aber kam der Bil-dungsstand in Frage. In einzelnen Staaten wie inCarolina, Neu-Uork, und in Maryland unter dem menschenfreundlichen LordBaltimore, waren zwar alle Religionen von Anfang an geduldet,aber nicht alle bürgerlich gleich berechtigt; in Virginien hielt manauf hochkirchliche Konformität; aber auch selbst in dem puritani-schen Massachusets schloß die calvinische Unduldsamkeit jedes an-dere Bekenntniß aus und wüthete gegen die Wiedertäufer undQuäker mit Verbannungen und Hinrichtungen. Gerade diesenhier eingewanderten Pilgern hatte bei ihrer Abreise aus Leiden ihrGeistlicher (Robinson) in feierlicher Beschwörung die ächt demo-kratischen Grundsätze des Protestantismus gepredigt: sie solltennicht bei Calvin und Luther stille stehen, die, wie groß sie waren,nicht Gottes ganzen Rathschluß durchdrungen hätten und heuteselbst jedes weitere Licht empfangen würden; sie sollten es alseinen förmlichen Artikel ihres Kirchenbundes ansehen, sich jederWahrheit offen zu halten. Hiesen Grundsätzen gemäß drang RogerWilliams in Massachusets auf völlige Gewissensfreiheit, auf Ent-bindung der Kirche von jeder Einmischung des Staates. Aber ermußte flüchten und gründete 1636 in Nhodeisland eine kleineneue Gesellschaft auf völlige Freiheit des Glaubens und vollkom-mene Herrschaft der Mehrheit in bürgerlichen Dingen. Ebensoward die Verfassung von Conneeticut. Grundsätze politischer undkirchlicher Freiheit durchdrängen hier eine kleine Staatsgesellschaftpraktisch, ehe sie in Europa in den Schulen der Philosophie gelehrtwaren. Man sagte damals diesen demokratischen Versuchen, demallgemeinen Stimmrecht, der allgemeinen Wählbarkeit, dem jähr-lichen Wechsel der Obrigkeiten, der völligen Religionsfreiheit,jenem Milton'schen Recht des SchiSma's nur kurze Dauer vor-aus. Allein diese Einrichtungen haben sich nicht allein hier erhal-ten, sie haben sich gerade von diesen kleinsten Staatskörpern aus