138
die amerikanische hier Boden fassen könne, daß Rousseau und nichtMontesquieu Recht behalten werde, veränderte sich bei den Aus-schweifungen der Republik und verschwand seit Napoleons Dirtatur.Auch schien es widersinnig, die Ordnungen jenes Jugendstaatcsauf ein hinfälliges Alter, die einfache Sitte der Freiheit auf eineüberspannte Civilisation, die Gleichheit auf eine Gesellschaft über-tragen zu wollen, in der noch so viel Unterschied war. Es schienundenkbar, daß man sich so vieler Einrichtungen und Kräfte imStaate begeben wolle, aus deren Erhaltung England so großenVortheil gezogen. Aber diese Einrichtungen und Kräfte hatten inFrankreich nicht die wohlthätige Wirkung im Staate bewährt, dieallein in England ihre Erhaltung möglich gemacht hatte. Wielockend waren dem Franzosen die neuen Staatstheoricn seiner Lite-ratur gegen die alten Staatseinrichtungen, die ihn beschämten unddrückten! wie geneigt machte ihn dieVergleichung beider zum völli-gen Umsturz des veralteten Zustandes! Frankreich hatte eine innereBcrfassungsgeschichte, aber eine leidige. Es hatte Formen, aberabgenutzte. Es hatte Ueberlieferungen, aber verhaßte. Das Kö-nigthum war hier eine dauernde Despotie geworden, die Militär-macht ihre Stütze. Die ständischen Rechte waren seit 200 Jahrenverloren. Die Provinzialeinrichtungcn waren ohne Zusammenhangund Plan. Das Bürgerthum, der ökonomisch wichtigste Theil derGesellschaft, war ohne Vertretung. Die Aristokratie war der steuer-freie Besitzer von mehr als der Hälfte des französischen Bodens,der Bedrücker der rechtlosen Menge; dabei in politischer Bedeutungein hinsterbender Körper, der sich nachher in der berühmten August-nacht (ein in England ganz undenkbarer Schritt) vollends selbertödtete. Dieß waren die Zustände, an denen der Reformversuchder Turgot und Malesherbes gescheitert war, die aber durch jeneinnere Revolution in den Geistern längst untergraben waren, unterder alles Vocurtheil erschüttert und die überkommene Achtung vor