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Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts / von G.G. Gervinus
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äußeren Bewegungen der Welt. Unsere regsameren Gränzlanveim Westen, Schweiz und Niederlande, fielen von unö ab, unsereGroßmächte im Osten, Preußen und Oesterreich, stellten sich aufeigene Füße; der übrige, sieche, getheilte Körper blieb regungslosliegen, ein Spielwerk aller Rührigen und Thätigen. Lage undBeschaffenheit des Landes war zu trefflich, als daß es nicht vonjedem Mächtigen begehrt werden sollte. Und doch wurde es wiedereben deßwegen Keinem zu festem und einheitlichem Besitze gegönnt.Es war zu wohl geeignet zur Entfaltung einer starken Macht, alsdaß nicht in jedem der Bereinigung günstigen Augenblicke alle Welthätte gegen uns stehen sollen. Unser Geschick schien das aller ge-theilten Nationen zu sein, daß wir wie Judäa, Griechenland, dasneuere Italien ein weltbürgerliches Volk bilden und uns begnügensollten mit den geistigen Wohlthaten, die wir uns und der Mensch-heit bereitet hatten. Wenn diese großen Züge unseres nationalenLebens, die den Charakter des Volks unwidersprechlich zeichnen, jedevaterländische Hoffnung in uns scheinen tilgen zu müssen, so stelltdoch die räthselvvlle Geschichte wieder ebenso große Züge einerandern Art daneben, die diese Hoffnungen wieder stolz emporrich-ten. Deutschlands Geschichte seit der Reformation hat denselbenregelmäßigen, nur langsameren Verlauf genommen, wie die Ge-schichte Englands und Frankreichs. Sie hat uns durch religiöseFreiheit (Reformation) und geistige Freiheit (Literaturperiodedes vorigen Jahrhunderts) an die Schwelle der staatlichen Freiheitgeführt, und läßt uns hoffen, daß wir auch diese in einem Maaßeerringen werden, das den gründlichen Vorbereitungen entspricht.Und blickt man auf den ganzen und vollständigen Verlauf der deut-schen Geschichte seit ihren Anfängen vergleichend zurück, so schöpftman noch größere Ermuthigungen. Wenn England, wie wir frü-her erwähnten, die verschiedenen Phasen geschichtlicher Entwicke-lung in unvergleichlicher Vollkommenheit umschrieb, so scheint dieß

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