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Wirklichkeit und dem möglichen Besseren überschreiten und denkensie auszufüllen, indem sie den Dunst unmöglicher Chimären hin-eingießen. Bei diesen Zuständen ist es unter den tonführcndenMännern Frankreichs selber ein Streit, ob die Nation noch gesundund jugendlich an Kräften ist, wie Lamartine behauptet, oder obdie Mirabeau und Barnave, die Napoleon und Lafayette Rechthaben,die, wie Guizot sagt, zulehtAlle an der Zukunft Frankreichs,wie eines alternden Körpers, verzagten. Es steht in Frage, obFrankreich, wie Italien zu Machiavelli's Zeit, unter den schwerenpolitischen Fluch fallen wird, daß es in jenem Geiste, den nichtszufrieden stellt, nicht fähig sei zum Gehorsam und nicht fähig zurFreiheit. Es muß sich entscheiden, vb es den germanischen Ord-nungen, die ihm allein eine gesetzte und sichere Freiheit verschaffenkönnen, nachkommen wird, oder ob es trotz der ungeheueren Opferseiner Revolutionen in die romanische Stagnation zurücksinken soll,aus der sich Spanien und Italien jetzt loszuringen scheinen. Undvon dieser Entscheidung hängt ein Großes, man darf sagen, Allesab für die ruhige und geordnete, oder wilde und stürmische Ab-wickelung der laufenden Geschichte.
Deutschland. Ganz eben so zweifelnd blickt man aus dem Stande der deut-schen Dinge in die Zukunft unseres Volkes. Deutschland ist seit sei-ner frühesten Geschichte immer seiner besten Kräfte beraubt worden.Es hat in der Völkerwanderung, in der Anpflanzung slavischerLande, in Kreuzzügen und Römerzügen seine rüstigsten SöhneMassen- ja Völkerweise ausgeschickt, und mit der Verjüngung derWelt seine eigene Erschöpfung gekauft. Dieß dauert in den Aus-wanderungen gleichsam noch heute fort, in der kostbaren Ausfuhrvon Geld und Menschen, die das Vaterland verarmt und schwächt.So haben wir, als die Entdeckung Amerika's den Völkern neueLaufbahnen öffnete, keinen Antheil mehr nehmen können an den