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Johannes von Müller Briefe.
und wie in der Ausbreitung derselben ich in diesemJahr zurückgeblieben, daß nicht eben etwas Außer-ordentliches die Ursache war, sondern der ganze Tonmeines Lebens in diesem Land, welchen abzuändernvon mir nicht abhängt, und wie zuverlässig ick alsovermuthen kann, daß es in den folgenden Jahren,den besten meines Lebens, nicht besser gehen werde— so sehe ich unschwer ein, daß ich mein Lebenverdorben habe, und niemals werden werde, wasdie Natur vielleicht aus mir macken wollte: endlich,wenn ich mich fern von Deutschland und aus denAugen aller derjenigen, von welchen ich zu Veffermbefördert werden konnte, in einem Land erblicke,wo ich nie etwas werden kann — so können Siesich vorstellen, wie mir das vorkömmt. Also bleibtmir das, was den Sterblichen meist nach langerErfahrung erst entrissen wird, in meinem 52stenJahr nicht mehr, die Hoffnung. Daher — bleibtmir nur, so unempfindlich, als möglich seyn wird,mich zu machen, damit ich meinen Verlust wenigerfühle. Ich vermuthe zwar, daß ich in diesemKampf eher gänzlich unterliegen werde, doch ist auchdas Wollen Pflicht. Sie können sich gar nickt vor-stellen, wie viele Zeit und wie viel mehr Munter-keit mein Collegium, verschiedene Pflichten und man-cherlei unvermeidliche Verdrießlichkeiten > mir weg-nehmen; dadurch wird meine Lebenskraft, wovonalles Uebrige abhängt, untergraben. Das Unange-nehmste ist mir, nach der Langenweile der un-aufhörlichen Unterbrechungen und unfruchtbarenMühe, mich nieder zu legen in dem Gefühl,daß bei dem allem nicht nur ich selber nicht binund arbeite wie ich soll, sondern daß die, welcheich besonders liebe und ehre, unter welchen zuerstSie mir beifallen, mit mir unzufrieden seyn undmich des Nichtsthuns oder der Vernachlässigung der