Band 
Zweiter Band.
JPEG-Download
 

Giovanni Lorenzo Bernini . 171

seines Ruhms, welcher lange Zeit hindurch der Stimme einerunparteiischen Kritik Schweigen aufgelegt. Jetzt nach mehr alsanderthalb Jahrhunderten sind wir eher im Stande, die Ur-sachen der Neuheit des Geschmackes Bernini's , des wechsel-seitigen Einflusses seines Genies auf sein Jahrhundert unddes Zustandes des Letztem auf sein Genie richtig zu würdigenund zu unterscheiden.

So geneigt man auch seyn mag, die Revolutionen desGeschmackes in der Region der schönen Künste dem fühlbarenund merklichen Einfluß eines Mannes zuzuschreiben, so wirdman bei näherer Untersuchung dennoch öfters finden, daß dieserMann, den man für die Ursache hält, selbst nur die Wirkungeiner allgemeinem und vorherrschenden Ursache ist.

Man wird zugeben müssen, daß es in Sachen der Mei-nung, des Geschmackes und der Art zu denken und zu sehennur darum Führer gibt, weil sie schon eine Menge zu führenfinden. So hat der Mann, der, wie Bernini , seinen Nameneinem neuen Geschmacke gibt, die Initiative dazu von seinemJahrhundert, das heißt durch die Neigungen und den neuenImpuls der Menschen seiner Zeit erhalten.

In den schaffenden Elementen der Werke des Genies herrschteine beständige Bewegung, wenn sie nicht durch mächtige Prin-zipe des Widerstandes unterdrückt wird. Diese moralische Be-wegung, die man Erfindung oder Bedürfniß der Neuheit nennt,und welche den Fortschritten der Künste, die sie belebt, ent-wickelt und zur Reife bringt, so nützlich ist, ist auch diejenige,die sie verdirbt und vernichtet. Die Griechen allein scheinendas, was die Erfindung in den, die Natur nachahmendenKünsten seyn soll, wohl und richtig verstanden zu haben. Allent-halben, wo sie die Natur nachahmten, waren sie eben so un-veränderlich in den Typen ihrer Werke als mannigfaltig inden Details ihrer äußeren Charaktere oder ihrer Modifikationen.Bei ihnen hatte die Kunst, gleich der Natur, für jede Art