Band 
Zweiter Band.
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Francesco Borromini .

zur Norm gedient, und nahm sich vor, alle Idee von Modell,alles Prinzip der Nachahmung, allen Grund der Ordnungund des Verhältnisses zu vernichten. Statt der sinnreichenNachahmung einer glücklichen Fiktion, welche geeignet, dieKunst in der Abhängigkeit von der Vernunft zu erhalten, statuirteer eine völlige Anarchie der Einbildungskraft, die unbeschränktesteWillkühr. Eine wellenförmige Biegsamkeit trat an die Stelleregelmäßiger Formen; und statt der Strenge des Architravs unddes Gesimses sah man nun die weichen Wellenzüge aller häßlichenKurven oder eine Menge stets vor- oder zurückspringender Winkel.

Das Abgeschmackteste an diesem angeblichen Neuerungs-system war, daß in der That nichts daran neu war, als dieUnordnung; denn er erfand nicht die mindeste Form. Es be-stand blos in dem Umsturz der eingeführten Ordnung und alleErfindung war nichts als Inkonsequenz. Borromini behieltdcmungeachtet alle Theile der Säulenordnungen, alle nachahmen-den Details bei; er zertheilte blos die Einen und versetzte dieAnderen, wendete jedes Glied, jeden Gegenstand auf eineverkehrte Weise an, im Widerspiele mit ihrer Bedeutung undmit der Bestimmung, welche die Natur ihnen anwies. Sogab er, zum Beispiele, dem schwachen Detail einer Verzierungdie Bestimmung zu tragen, während er die zu Stützen be-stimmten Glieder müssig und überflüssig machte; was starkscheinen sollte, dem gab er den Anschein von Leichtigkeit undverstärkte hingegen was leicht scheinen sollte. Sein ganzesSinnen und Streben bezweckte einen ewigen Widerspruch zwi-schen dem, was die Dinge sind und was sie scheinen sollen;er schien in Allem das Gegentheil von dem zu thun, was dieAlten thaten. Wenn diese sich bemühten der Fiktion den Scheinder Wahrheit zu geben und das, was mehr oder weniger ausder wirklichen Wahrheit hervorgehen sollte, wenigstens wahr-scheinlich zu machen, studirte Borromini darauf, selbst dafalsch zu scheinen, wo er es nicht seyn konnte.

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