Band 
(1500 - 1815)
Entstehung
Seite
167
JPEG-Download
 

5. Kap.)

Peter der Große.

167

Seitens der hohen Reichsbeaniten. Denn sie hatte gehofft, für ihren schwach-sinnigen Bruder Iwan die Regentschaft zu führen. Als ihr dies nichtim Wege Rechtens gelungen war, wiegelte sie die Streichen auf, unterdem Verwände, man wolle den rechtmäßigen Thronerben, Iwan, aus demWege räumen und das Heer verderben. Am 15. Mai 1682 wirbelte»die Trommeln durch Moskaus Straßen, und mit wildem Geschrei, ein Ma-rienbild vor sich beitragend, stürmten die Streichen das kaiserliche Schloß,erwürgten die Anhänger der Narischkin und riefen Iwan zum Cza-ren aus.

Iwan bat sich, zum großen Verdruß der Schwester, seinen liebenBruder Peter als Mitregenten aus. Da indeß beide Bruder noch minder-jährig waren, so führte Sophia die Regierung und schmeichelte sich, die-selbe durch die Streichen für immer behaupten zu können. Allein alle Ge-walt ist, wie das Symbol derselben, zweischneidig. Sophia sollte diese Er-fahrung nur zu bald machen. Ehowansky, der Oberst der Streichen,glaubte für seine Dienste von Sophia nicht genug belohnt zu sein. Erzettelte deshalb eine neue Verschwörung an, deren Opfer die ganze kaiser-liche Familie werden sollte. Der Hof flüchtete, noch zu rechter Zeit ge-warnt, in ein festes Kloster sechs Stunden von Moskau. Die Streicheneilten nach und belagerten es. Ehowansky aber wurde mit siebenunddreißigBegleitern in das Kloster gelockt, festgenommen und hingerichtet. Stattzu schrecken, entflammte diese Maßregel die Aufrührer zur höchsten Wuth.Das Kloster wird gestürmt, Natalie flüchtet sich mit Peter an den Altar,wird aber auch bis hierher von einem rohen Schwärm verfolgt. Schon zückteiner jener Unsinnigen den Mordstahl nach Peter's Brust; da reißt ihnein Anderer mit den Worten weg: „Halt ein, Bruder, nicht hier am Al-

M ""6 ta nicht entgehen!" Dieser kurze Aufschub rettete Pe-ter. Wenige Minuten darauf war das Kloster von Streichen leer, indemtreue Reiterei dem Hofe zu Hilfe geeilt und Fußvolk im Nachrücken be-griffen war. Au die Stelle der barbarischen Wuth und des wilden Trotzestrat jetzt die größte Unterwürfigkeit. Bittend erschienen die Streichen mitWeibern und Kindern einige Tage daraus vor dem Paläste der wiedernach Moskau zurückgekehrten Ezaren, und erhielten gegen Auslieferungvon dreißig Hauptschuldigen Verzeihung.

Während nun Sophie in Moskau die Regierung führte, lebte Pe-ter in Preobaschenskoi ein Leben kindlich unbefangener Lust, undbrannte von Durst nach Wissen und Thaten. Zufällig machte er hier dieBekanntschaft eines jungen Kaufmanns aus Genf, Lefort, welcher vieleLänder und Städte gesehen und einen reichen Schatz von Erfahrungenund Kenntnissen eingesammelt hatte. Wie schwoll dem jungen Ezaren dasHerz, als Lefort von dem regen europäischen Städtclaben, von dem Glänzeder Höfe, dem Ruhme LudwigsXIV. und der blühenden Handelsmächte,