92
Die politischen Vereine und Journale.
j2. Kap.
sandt. Der König Wilhelm IV. von England war der erste Souverain,der Louis Philipp als Bruder hegrüßte. Die Mittel- und Kleinstaatenfolgten bald nach, außer Modena, das „mit einem Revolutionär und Usur-pator kein Freundschaftsbündniß anknüpfen mochte." Gleiche Gesinnungentheilte Kaiser Nikolaus, nur mit dem Unterschiede, daß sie hier gefähr-licher waren, als bei dem Herzoge von Modena. In der That dachte Ni-kolaus an Krieg gegen Frankreich und meinte auch seine Verbündeten mitfortreißen zu können. Allein in Berlin und Wien hatte, wie bereits er-wähnt , eine mildere Auffassung der Verhältnisse Platz ergriffen. Zudemlief bald ein sehr demüthiger Brief Louis Philipp's in Petersburg ein,worin der Kaiser um seinen und den Beistand der heiligen Allianz zurAuftechthaltung des Friedens gebeten, und die Besitznahme des Thronsals ein Act der politischen Nothwendigkeit dargestellt wurde. Dennochwürde dies Louis Philipp wenig genutzt haben, wenn nicht die belgischeRevolution dem Julithrone einen Verbündeten, und der polnische Auf-stand dem russischen Kaiser einen gefährlichen Feind erweckt hätte, über-haupt Europa durch die Katastrophe von Paris in eine solche Aufregungversetzt worden wäre, daß jede Regierung im Innern genug zu thun fand,um sich nicht jede Intervention zweimal zu überlegen.
Mit der Thronbesteigung Louis Philipp's war der revolutionäreGeist in Frankreich keineswegs erloschen. Vielmehr hatte diese gewalt-same Erschütterung der bestehenden Rechtszustände so vielfache Hoffnun-gen und Wünsche unter Denen erzeugt, welchen der Sieg der drei Tagevorzüglich zuzuschreiben war, daß sie es gar nicht glauben wollten, die Re-volution habe nur „das verletzte Gesetz" gerächt und sei mit einigen frei-sinnigen, den Meisten gleichgiltigen Aenderungen der Verfassung vollendet.Die politischen Vereine schössen üppig empor, beeinflußten Kammern undMinister und geberdeten sich als Wächter der Volksfreiheiten. Die meistenJournale stimmten einen oppositionellen Ton an und hörten nicht auf, zuwiederholen, daß Louis Philipp König „ von Volks wegen" sei unddieVolkssouverainetät anerkennen und schützen müsse. Die Stoc-kung der Geschäfte, der eintretende Arbeitsmangel, die Unterbrechung desCredits, welche die Kammer sogar durch eine zehntägige Verlängerungaller Wechselfristen sanctioniren mußte, führten Unzufriedenheit mit Demherbei, was durch den „glorreichen Kampf der drei Tage" errungen wor-den war. Die sociale Lehre des Grafen St. Simon, welche Plötzlich inParis auftauchte und von Enfantin und Bazard gepredigt, von PierreLeroux im „Globe" vertreten wurde: daß „Jedem nach seiner Fähigkeit,jeder Fähigkeiten nach ihren Werken" gegeben, das Erbrecht aufgehoben,die Frauen zur Vertretung zugelassen werden sollten, — diese Lehre fanddaher ungeheuern Anhang unter „ der zahlreichsten und ärmsten Classeder Bevölkerung", deren „physisches und moralisches Loos zu verbessern",