2. Kap.) Minlsterwechsel. 219
nachgegeben und ein gemäßigteres Ministerium ernannt hatte. Daherfand ein sehr häufiger Wechsel der Ministerien statt.
Vor den Lyoner Ereignissen waren der Herzog von Broglie undGeneral Sebastian! aus dem Ministerium geschieden, da die Kammern dievon den Vereinigten Staaten beanspruchte, und von Broglie und dem Kö-nig anerkannte Entschädigung von fünfundzwanzig Millionen für Ver-luste, die nordamerikanische Bürger zu den Zeiten der Republik und desKaiserreichs erlitten hatten, verwarfen. Wenige Monate später bereutedie Kammer diesen „Act der Selbstständigkeit", weshalb Broglie wiederins Ministerium treten konnte.
Die Kammern wurden am 25. Mai 1834 aufgelöst und die neu-erwählten zum 20. August einberufen. Die Regierung erreichte, was siemit der Auflösung bezweckt hatte: eine ansehnliche Verminderung derliberalen Deputirten. Der Liberalismus machte sich jetzt überhaupt nurnoch in Vorschlägen zu Ersparungen geltend, die Soult in Rücksicht auf dievortreffliche Armee sehr unangenehm berührten. Er dankte daher ab.Der gemäßigte Gerard, dann Mols und endlich das tisrs-xurti-Mi-nisterium Bassano (Maret) folgten, bis der König wieder zu denfrüheren Doctrinairs griff und den Marschall Mortier an deren Spitzestellte. Als auch dieser (20. Febrnar 1835) austrat, übernahmBroglie zum zweiten Male die Präsidentschaft und das Ministeriumdes Aeußeren. Die Doctrinairs erblickten darin einen Sieg ihrer Sacheund eine Bewahrheitung ihres Systems. Deshalb gingen sie noch em-siger als früher auf dem Wege der Gewalt vorwärts und betrieben mitgrenzenlosem Eifer den Proceß gegen die Aufständischen vom April 1834.Am 5. Mai 1835 begannen die Verhandlungen über hundertundvier An-geklagte vor der Pairskammcr. Der König sah nicht ohne Bangen demAusgange dieses Processes entgegen. Denn zweiundachtzig Pairs hattensich gleich anfangs von der Theilnahme an den Verhandlungen dispenfirenlassen und täglich liefen neue Urlaubsgesuche eiu. Von den etwa2000 Personen, die man zur Untersuchung gezogen hatte, waren durchdie Pairskammer ohnehin fast entlassen worden. Die Verthei-digungen drohten, die vielen Blößen der inneren und äußeren Politikaufzudecken und die Bestechung, der sich die Julidynastie schuldig gemachthatte, im grellsten Lichte darzustellen. Louis Philipp fürchtete jene küh-nen und geistreichen Redner, welche die Angeklagten zu ihren Vertheidi-gern auserkoren hatten. Er erließ daher eine Verordnung, daß nurAdvocaten eines königlichen Gerichtshofes als Vertheidiger zu-gelassen werden dürsten. Diese Ordonnanz hatte das Ueble, daß sie eineTheilnahme des Publikums für die Angeklagten, als die physisch Schwachen,hervorrief und dieses Interesse steigerte sich noch mehr, als der Pairshof dieProtestation der Angeklagten verwarf und die letzteren entweder mit Ge-