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Rußland und England im Orient.
12. Kap.
welche es sich in Europa schon angemaßt hat, da Sibirien größten-theils wüst. und unbevölkert ist, und keine ergiebige Quelle des Han-dels zu werden verspricht. Rußland strebt daher nach dem Süden, in dieheißen Thäler des Ganges, wo üppige Fruchtbarkeit, große Ströme unddie Nähe der offenen Meeresküste ein Land geschaffen haben, aus dem Eng-land seine Reichthümer gezogen und dafür europäische Cultur und Ge-werbfleiß hin verpflanzt hat. Wenn Rußland seinen maritimen Nebenbuh-ler hier angreifen will, so müssen Persien und Afghanistan in seiner Ge-walt sein, oder hier Puppen auf den Fürstenthronen fitzen, die sich vonPetersburg aus regieren lassen. Der kürzere Weg durch die salzigen Thon-und Flugsandfteppen Turans kann von einem Heere nicht betreten werden,und der Weg von Sibirien durch das trockenkalte, Holzarme mongolisch,tibetanische Hochland ist eine Unmöglichkeit. Daher richtet sich die diplo-matische Taktik der Russen zunächst aus Perfien, indem es dessen Herr-schaft nach Afghanistan vorschieben will.
Der talentvolle Abbas Mirza (S. 55 f.) war nach seiner Rück-kehr aus Petersburg bald gestorben (1833). Der alte Feth Ali folgteihm am 30. October 1834 ins Grab, nachdem er seinen Enkel, Mehe-rn ed Mirza. zum Nachfolger bestimmt hatte. England und Rußlanderkannten denselben an und England beeiferte sich sogar, die Oheime desSchahs mit englischen Truppen unter Oberst Lindsay (1834) zu be-kämpfen. Die Russen, welche den jungen Schah gänzlich umgarnt hatten,sahen ruhig zu, wie sich die Engländer für sie abmühten, und wußten ampersischen Hofe den Glauben zu verbreiten, daß die Briten nur auf ihrGeheiß so gehandelt hätten. Ein wie wenig zuverlässiger blos für Beste-chung empfänglicher Bundesgenosse Persien sei, sollte Rußland bald er-fahren. Trotz der dringenden Bitten des englischen Gesandten Mac-Neillan Palmerston um Verhaltungsmaßregeln und eine Flotte, wenn derSchah sich dem Wunsche des russischen Gesandten Simonitsch fügen undHerat angreifen sollte, blieb Palmerston taub für alle Bitten. Der Gene-ralgouverneur von Ostindien war dagegen aufmerksamer und sandte denAfghanen Osficiere zu, welche die Städte befestigen und vertheidigen soll-ten. Die Perser drangen 1837 wirklich bis Herat vor, belagerten undstürmten diese Stadt lange vergeblich, obwohl Simonitsch selbst sie an-führte, und zogen endlich wieder heim. Der englische Lieutenant Pottin-ger hatte um die Vertheidigung Herats das meiste Verdienst. Nach diesemoffenen Hervortreten der Russen griff Palmerston zu kräftigen Gegenmaß-regeln, sandte eine Flotte ins persische Meer und drohte Persien mitKrieg,wenn der Schah noch einmal in Afghanistan erschiene (1838). Dies im-ponirte den Persern so gewaltig, daß sie die Freundschaft Rußlands auf-gaben und der englische Einfluß dort viele Jahre lang überwog. Zugleichwurde Rußland durch den Krieg der Engländer gegen die Afghanen aus allen