244 Das politische Lied. — Die Hallischen Jahrbücher. s3. Kap.
die Dichtkunst vom Staatsleben ferngehalten hatten, und herein quollein überreicher, oft trüber Strom politischer Lieder, die meist der radical-politischen oder radical-satyrischen Richtung angehörten. Georg Her-weg h's „Gedichte eines Lebendigen" 1840 und H. Hofsmann's„Unpolitische Lieder" 1841 waren die Vorläufer dieser Richtungen. Ihnenfolgten von begabten Dichtern Dingelstedt, Prutz, Freiligrath, H. Heine,Keller u. A. m. Das politische Lied, das sich unverkennbar an Börangergebildet hat, ohne dessen schalkhafte Naivetät zu erreichen, fand ziemlichbald Komponisten, und damit den Eingang in alle Gesellschaftskreise.Wiewohl die Aesthetik heftig gegen die politische Poesie eiferte, ist letzteredoch heutigen Tages noch nicht ausgestorben und hat sogar durch dasJahr 1848 neue Anregung, namentlich einen Impuls auf die entgegenge-setzte, conservative Richtung erhalten, und strebte durch größere Schöpfun-gen aus der vaterländischen Geschichte, die Gefühle der Unterthanentreueund des Patriotismus wiederzuerwecken. Vor Allen gebührt S ch e r n -berg das zeitgemäße Verdienst, diese verklungene Saite der politischenGesinnung wieder zum Schwingen gebracht zu haben.
Wie gegen den Staat, so richteten sich die Dichter auch negirendund ironifirend gegen die Kirche. Sie waren die kleinen Plänkler jenergroßen, wohlgerüsteten Armee derJunghegelianer, die unter den Feldzeichender „Hallischen", seit 1841 „deutschen Jahrbücher" titanengleich gegen allenPositivisyms auszogen und, was Geist, Witz, Scharfsinn und schöne Formanlangt, das Höchste schufen, was bis dahin die deutsche Journalistik her-vorgebracht hatte. Strauß, Feuerbqch, B. Bauer gehörten zu den Fa-voriten des Herausgebers Arnold Rüge. Doch wurde der Erste, weiler den beiden Andern nicht folgen mochte, sehr bald auf den „überwundenenStandpunkt" versetzt. Das Selbstbewußtsein, aus welchem Feuerbach im„Wesen des Christenthums", 1841, die Religion als die Wiederspiegelungder eigenen Jchheit, und B. Bauer in der „Geschichte der Synoptiker"1841, die evangelische Geschichte als freie Komposition gewisser, vondogmatischen Vorurtheilen ausgehender Schriftsteller dargestellt hatte,war das Panier, welches Rüge in seiner Zeitschrift aufpflanzte, die Wün-schelruthe, mit der er den Schatz der Wissenschaft heben wollte. ImJahre 1843, wo die deutschen Jahrbücher in Dresden unterdrückt wur-den, befand sich dieser Standpunkt im Zenith; Rüge bezeichnete ihn inder „Selbstkritik des Liberalismus" als die praktische Verwirklichung derindividuellen Anlagen, als Berechtigung des Einzelnen zu Genuß und Ar-beit. Max Stirn er machte bald daraus in seinem Buche: „der Einzigeund sein Eigenthum" 1845, aus der Jndividualitätslehre ein Systemund löste jede allgemein sittliche Bestimmung im Belieben des Einzelnenauf. Die „absolute Kritik" der Bauer und Stirner wurde zur Mono-manie, gegen die man sogar den Kamps ausgab. Diese nihilistische Richtung