342 Urtheil der Times über Louis Philipp. (4. Kap.
stände, als die politischen Formen betroffen hatten, und zum Andern darin,daß die Machthaber den Ausbruch des Pariser Kraters für unmöglich hiel-ten und deshalb überrascht wurden, weil sie in Louis Philipp den allgemei-nen Moderator zu sehen gewohnt waren und sich durch die Versicherungdesselben, daß keine Gefahr vorhanden sei, in Ruhe hatten wiegen lassen.Die Bewegung brach unvermuthet herein. Völlig niederschlagend wirktedie Nachricht, daß der König im entscheidenden Augenblicke sich schwachgezeigt, und daß geheime Factoren, die man unterschätzt hatte, Plötzlicheinen Thron umstürzten, den man für fest begründet ansah. Je mehr derGlaube gewachsen war, daß Louis Philipp sich den Manieren eines lau-nenhaften demokratischen Zeitalters anzupassen verstehe, daß er, um mitder Times zu reden, ein Meister im Königshandwerk sei, umsomehr hattensich dieBedenken, welche man über dieFolgen jener von ihm angewandtenkleinlichen und verwerflichen Mittel begte, verloren. Mag man auch ineinigen Staaten die Reformen sehr verzögert und, anstatt organisch wei-terzubilden, bald mehr nach rückwärts, bald mehr nach vorwärts experi-mentirt haben, fast nirgends waren die Zustände so verrottet, daß keinanderer Ausweg, sie zu ändern, geblieben wäre, als das gewaltsame Ab-schneiden des historischen Fadens, die Auflehnung gegen das Gesetz unddessen Träger. Die Folge hat bewiesen, wie unberechtigt jene stür-mische Bewegung war, wie unbegründet in den besonderen Zuständen;denn die Geschichte lehrt, daß wirkliche Revolutionen sich nicht soleicht überwinden lassen, als es im Jahre 1848 und 1849 geschehen ist.Die Hauptschuld der anarchischen Bewegung von 1848 lastet auf LouisPhilipp's Schultern. Die „Times" stellte nach dem Tode dieses Königs(20, August 1850 in Claremont), der das traurige Loos hatte, von Nie-mand, außer seiner Familie, geliebt, von Niemand betrauert oder verthei-digt zu werden, eine ziemlich unparteiische Betrachtung über die Regie-rung Louis Philipp's an, worin sie unter Anderm sagt: „Ludwig Philippzeichnete sich unter allen Männern, die eine gleich hervorragende Rolleauf der Schaubühne der Geschichte und der Völkerregierung gespielt,durch den Mangel jener übermächtigen Geisteskräfte, jener ungeordnetenLeidenschaften, jener eindrucksamenTugenden, oder jener kühnen Verbrechenaus, welche gewöhnlich die Jahrbücher menschlicher Größe bezeichnen.Diese gefährlichen Gaben des Genies und der Kraft ersetzte er durcheine eigenthümliche Verbindung der kleineren Eigenschaften des mensch-lichen Naturells. Ob es zum Guten oder zum Schlimmen war, — dieseEigenschaften bildeten die Grundlage seines Charakters, und um diesenMann richtig zu beurtheilen, würde es gleich bedenklich sein, ihn zu einemWeisen und einem Helden zu erheben, wie ihn zu einem selbstsüchtigenUnterdrücker zu erniedrigen. Ein gesunder Verstand, Schlauheit, Vorsicht,Weltkenntniß, mehr aus Erfahrung, als ausJntuition geschöpft, Geduld,