4. Kap.) Benehmen der Geistlichkeit und der Sekten' 341
hatten, daß die Heere Erschüttert blieben. Die Geistlichkeit, durch ihrenBerns mehr dem Friedenstiften und Vermitteln anheimgegeben, richteteihre Stellung je nach den besondern Umständen ein. Der katholische Kle-rus, welcher in der Freiheit des Unterrichts und der Associationen diewichtigste Errungenschaft für die Kirche erblickte, begrüßte zuerst die Re-volution mit Theilnahme, wendete sich jedoch ab, als das fernere Verblei-ben bei ihr den Bestand der Kirche gefährdete, und ihr von der Gegen-seite lockende Versprechungen gemacht wurden. Die protestantische Geist-lichkeit, durch die strengere Oberaufsicht der letzten acht Jabre enger mitdem altkirchlichen Bewußtsein verschwistert, bewährte die nützlichen Folgenjener Zucht theils durch kluge Zurückhaltung, theils durch stilles Wirkenfür die bedrohten Interessen der Fürsten, des Adels und ihres Standes.Dagegen warfen sich die liberalen Sekten, Lichtfreunde, freie Gemeindenund Christkatholiken, sowie die Juden, wo man ihre Emancipation verzö-gert hatte, rückhaltslos der Bewegung in die Arme und wurden fast ihreHauptträger. Indeß strebte die Mehrzahl nur nach religiöser Frei-heit, ließ sich aber von dem Zeitstrome auf andere Gebiete fortziehen,wo sie mehr den Verdacht politischer Neuerungssucht erregte, als ihrenanfänglichen Bestrebungen nützte. An diese Sekten schlössen sich Diejeni-gen, welche mit Dem unzufrieden waren, was in der Protestantischen Kirchebisher osficiell geschehen war. Die Verdienste, welche sich ein strengeresKirchenthum um Belebung der Gemeinsamkeit aller Kirchenglieder, um dieMissionen, die Mäßtgkeitsvereine und die Hebung der Kirchenzucht unterdem in vielfacher Beziehung vernachlässigten Landvolke erworben hatte,wurden übersehen; dagegen fiel ein gewisser geistlicher Hochmuth, denmanche Strengkirchliche zur Schau trugen, sowie die Unduldsamkeit, welcheman anderen Geistesgebieten angedeihen ließ, umsomehr in die Augen.Dennoch war diese Richtung mehr theoretisch, als praktisch unbequem,und machte sich hauptsächlich in der Literatur geltend, wo einzelne Ultrasfreilich auch die Waffen der Denunciation nicht verschmähten, um ihreGegner einzuschüchtern. Sehen wir daraus, daß sick wohl da und dortWünsche kundthate», ja manche Beschwerden laut wurden, daß aber nur inden unteren Ständen tiefere Gründe zur Unzufriedenheit lagen, die freilichnicht durch Verfassungsänderungen und Gewährung von Rechten gehobenwerden konnten, so gab es dock in allen Ständen ehrgeizige Jntriguanten,gutmüthige Schwärmer, leichtgläubige, sanguinische Gemüther und aufrich-tige, von ehrlicher Ueberzeugung durchdrungene Männer, welche Letzteredie Bewegung freudig begrüßten, zuletzt aber von den drei ersten Classenmit fortgerissen wurden, bis über das Ziel, welches ihre kühnsten Träumeje gehofft hatten. Die Hauptgründe, warum die Revolution in Deutsch-land so weit gedeihen konnte, sind einmal darin zu suchen, daß die vorge-nommenen Reformen weniger die sociale Gliederung und die socialen Zu-