4. Kap.) Die Märzereigniffe in Berlin. 371
den Ruf; „Verrath! Rache! Zu den Waffen! Man mordet friedlicheBürger!" Das ruhige, loyale Berlin überzog sich binnen zwei Stundenmit Barrikaden. Es begann um 4 Uhr ein verzweifelter Kampf, an wel-chem sich die Bürger und Studenten, wie die Arbeiter und Abenteurerbetheiligten. In der Königsstraße, Friedrichsstraße, Taubenstraße. Jäger-straße , am Fischmarkt und am Köllnischen Rathhause, wo die d'Heureu-sesche Conditorei liegt, wüthete der Kamps am heftigsten. Was für Ver-theidigungsmittel der Straßenkampf darbot, wurde angewendet. EineDeputation, mit dem Bischof Neander an der Spitze, zog gegen 6 Uhrin feierlicher Haltung nach dem Schlosse, um den König zum Frieden zustimmen. Der König, welchem der Beginn des Kampfes gewiß ebensounerwartet gekommen war, und der bei der gegenwärtigen Sachlage nurwenig sicherere Nachrichten über die Veranlassung haben mochte, als dasVolk, durste wohl zögern, dem Kampf ein Ende zu machen, der an-fangs im Schlosse mehr durch Böswillige, als durch ein Misverständnißherbeigeführt zu sein schien. Der König antwortete: „daß er gern Allesgewähren werde, aber nur der Bitte, nicht der Gewalt; erst müsse dasVolk seine Stellungen aufgeben, ehe er seine Truppen zurückziehen könne."Die Deputation kehrte mit dieser Antwort zurück, mit dem Auftrage,Frieden zu stiften. Ueberall wurde diese Friedensbotschaft verschmäht,und der Kamps begann von Neuem. Reiterei konnte in den Straßen garnicht wirken; Infanteristen stürmten die Häuser, um von hier aus dieBarrikadenkämpfer zu beschießen, während die Kanonen die Straßenboll-werke zerschmetterten. Sonntag den 19. früh, als die Glocken feierlichzur Kirche riefen, stand der Kamps still, welcher dem Militair den Sieg inden inneren Stadttheilen sicherte, wogegen die Theile vom Dönhofsplatzebis zum Hallischen Thore und die den Alexanderplatz umgebenden Stadt-theile noch von Barrikaden strotzten. Der König erließ die herzlicheProclamation: „An meine lieben Berliner," aus der erhellte, wie ungerner zum äußersten Blutvergießen geschritten war. Eine Deputation desStadtraths begab sich nochmals zum Schlosse und erklärte dem König,daß, außer durch Gewährung der allgemeinen Wünsche des Landes, dieBürgerschaft nur durch die Zurückziehung des Militairs von den Straßenund durch Freilassung der bei den Unruhen verhafteten Personen zu be-wegen sein würde, die Barrikaden zu öffnen und sich zur Ruhe zu nei-gen. Der König gab nach; er versprach, daß das Militair zurückgezogen,die Wünsche des Landes, soweit es möglich, erfüllt werden sollten. Diesefrohe Botschaft wurde überall mit Freuden begrüßt, und unter den Klän-gen des Chorals: „Jesus meine Zuversicht" zog das Militair aus Berlinab. Der Kampf hatte viele Opfer erfordert; am 22. März wurden 180bürgerliche Leichen im Friedrichshain zur Ruhe bestattet. Von Seitendes Militairs waren nach osficieller Angabe nur 15 gefallen, die man
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