Band 
(1815 - 1854)
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372
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372 Die Zustände in den preußischen Provinzen. s4. Kap.

am folgenden Tage unter zahlreichem Gefolge von Bürgern und Soldatenbegrub, da der Plan, die Leichen der getödteten Soldaten mit denender Bürger in Eine Gruft zu senken, aufHindemisse gestoßen war. Nocham 19. trat Bodelschwingh ab. Graf Arnim, Graf Schwerin, v. Auers-wald und Camphausen bildeten das neue Ministerium. Der 20. brachteeine allgemeine Amnestie in einfachen und herzlichen Worten. Die ausMoabit entlassenen Polen wurden im Triumph durch die Straßen ge-führt, und Mieroslawski schwenkte die deutsche Fahne. Am 2l. Märzhielt der mit den deutschen Farben geschmückte König, von den begei-sterten Studenten und Bürgern gefolgt, einen Umzug in Berlin, wobei erdie Einigkeit Deutschlands herzustellen versprach, ohne etwas usurpirenoder einen Fürsten vom Throne stoßen zu wollen. Er hatte dabei offen-bar den Gesichtspunkt freier Einigung vor Augen, aber das Volk ver-stand unter den in der Proklamation vom 21. „An mein Volk und andie deutsche Nation" enthaltenen Worten: „Preußen geht fortan inDeutschland auf," eine wirkliche Begebung der Souverainetätsrechte Sei-tens der Fürsten zu Gunsten des deutschen einheitlichen Bundesstaats. —Bei den „Neupreußen", wie im südlichen Deutschland, wurde diese unver-fängliche Erklärung des Königs nicht gut aufgenommen. Am 22. Märzhatte eine Deputation der Städte Breslau und Liegnitz Audienz beimKönige, welche neben der Errichtung eines Arbeitsministeriums verlangte,daß nicht der alte Vereinigte Landtag berufen werde, sondern der Königaus eigner Machtvollkommenheit der Volksvertretung eine breitere Basisgeben möge. In Schlesien herrschte traurige Anarchie; Arbeiter - undBauern-Excesse waren an der Tagesordnung. In Breslau, wo der Ma-gistrat seine Autorität mit einer Volksdeputation theilen mußte, bereiteteman schon eigenmächtig die Urwahlen vor. Die Rückkunft der Deputation,welche die neuen Erlasse mitbrachte, sowie der Antritt eines neuen Ober-präsidenten. des liberalen Grafen Dort, später des OberbürgermeistersPinder, stellten das Ansehen der Gesetze wieder einigermaßen her. DerKönig und die Minister waren bei der Berufung des Vereinigten Land-tags stehen geblieben, und man hatte sich unter Protesten gefügt. InPommern dagegen reifte der abenteuerliche Plan, nach Berlin zu ziehenund den König zu befreien. Im Militair herrschte furchtbare Erbitterung;man sprach davon, daß der König gezwungen worden, daß er unfrei, ge-fangen und bedroht sei. Die Bauern der Mark insultirten die schwarz-roth-goldene Fahne; die Proteste gegen die Berliner Ereignisse und derenFolgen häuften sich; der Adel und die hohen Beamten verließen dieHauptstadt; in allen Provinzen erhoben die Gespenster des Kommunis-mus ihr Haupt und lugten in das Elend der Hütten, regten hier aller-lei Wünsche an, mehrten die Furcht der Besitzenden, vergrößerten denWirrwar der Meinungen und die Anarchie der Gesellschaft, welche aus