Band 
(1815 - 1854)
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Die Nationalversammlung.

s4. Kap.

die Nationalversammlung, vom König mit einer Thronrede eröffnetund ein Verfassungsentwurf übergeben, der, wenige Monate vorher, dieausschweifendsten Wünsche befriedigt hätte, jetzt aber wegen des hohenCensus der ersten Kammer Niemand zufriedenstellte. Am 25. begann dieNationalversammlung ihre Arbeiten in der Singakademie unter v. Schön'sPräsidium. Die Versammlung, meist aus Liberalen und Radicalen beste-hend, hatte in ihrem Schoose 40 Adelige, wovon 16 begütert waren,98 Justizbeamte, 48 Verwaltungsbeamte, 28 städtische Beamte, 52 Geist-liche, 27 Lehrer, 31 Kaufleute, 28 Handwerker, 68 Bauern, 11 Aerzte,5 Literaten, 4 Offnere, 1 Commis, 1 Gesellen, 1 Tagelöhner, zusammen401 Mitglieder. Zum definitiven Präsidenten wurde der FabrikantMilde aus Breslau, zu Vicepräfidenten Esser aus Köln und Waldeckaus Berlin gewählt. Die Parteien gruppirten sich so: 1) die Rechte un-ter Auerswald und Reichensperger. Versammlungslocal in der Behren-straße. 2) Das rechte Centrum unter Zachariä und Harkort. Versamm-lungslocal englisches Haus. 3) Das Centrum unter Kosch. Hotel LeRussie. 4) Das linke Centrum unter Rodbertus; Hotel de Petersbourg.6) Die Linke unter Waldeck; Hotel Mylius. 7) Die äußerste Linke unterJakoby; in Mielentz'Hotel. Die beiden letzten Fractionen gingen fast im-mer zusammen. Camphausen erläuterte in einer Rede seine Stellung da-hin, daß das Ministerium keineswegs die umgestaltende Kraft der jüngstenEreignisse verkenne, aber nicht einen Umsturz des Rechts, einen Bruchmit der ganzen Vergangenheit annehme. Vielmehr müsse man praktischan die Vergangenheit anknüpfen. Um den Eindruck dieser Worte zu ver-stärken , um zu zeigen, daß die königliche Familie sich dem Versaffungs-leben aufrichtig anschließe, erschien der Prinz von Preußen als Abgeord-neter von Wirsitz in der Nationalversammlung (8. Juni) und erklärte,daß er der vom König vorgezeichneten constitutionellen Monarchie alle seineKräfte weihen werde, bäte aber um Einberufung seines Ersatzmanns, daer den Verhandlungen nicht öfter beiwohnen könne. So hatten die maß-gebenden Kreise die Aufgabe der Versammlung dahin bezeichnet, daß siemit dem König die Verfassung zu vereinbaren habe. Dagegen strebte dieLinke dahin, eine Erklärung der Nationalversammlung zu erwirken, wor-aus ihre Souverainetät hervorgehe. In diesem Sinne ist der Antrag vonBehrends (9. Juni) aufzufassen: „die hohe Versammlung wolle in An-erkennung der Revolution erklären, daß dieKämpfer des18. und19. März sich wohl um das Vaterland verdient gemacht hätten." DieVersammlung lehnte diesen Antrag ab und nahm das Amendemcnt vonZachariä an: „die Versammlung gehe in Anerkennung der großen Ereig-nisse des März und ihres Einflusses aus die gegenwärtige Staatsentwicke-lung zur Tagesordnung über." Das durch die Clubredner erhitzte Volknahm die Sache als eine Verleugnung der Revolution, und aushandelte