Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
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445
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4. Kap.)

Neapolitanische Zustände.

445

König stellte als Bedingung: unbedingte Unterwerfung und schleunigeAbsenkung einer Deputation der Municipalbehörde an den General Filan-gieri. Ruggiero Settimo und das Rumpfparlament verwarfen diese Be-dingungen und begaben sich auf die Flucht, indem sie alle Gewalt in dieHände des palermitanischen Magistrats niederlegten. Die neapolitanischeFlotte näherte sich nun der Hauptstadt (30. April). Da stand das Volknoch einmal auf, führte Geschütze auf die Strandbatterien und erklärte,sich nur gegen das Versprechen der Amnestie ergeben zu wollen. DieRücksicht auf die schöne Stadt und die Vorstellungen der fremden Admiralestimmten den König milder. Er erließ (7. Mai), die verlangte Amnestiefür Alle, ausgenommen die Dreiundvierzig, „welche an der Revolutiongeba »meistert hatten" — eine ironische Anspielung auf den berühm-ten Archäologen, Herzog von Serradisalco. — Die Führer entflohensämmtlich nach Malta; am 14. Mai zogen die Neapolitaner in Palermoein, ohne Einen von den Dreiundvierzig fangen zu können. Indeß habenauch hier die Kriegs- und ordentlichen Gerichte und der Henker nochgenug zu thun gehabt. Kerker und Galeeren füllten sich mit Tausendenvon politischen Verbrechern. Sicilien erhielt eine abgesonderte Verwal-tung, aber Constttution und Preßfreiheit wurden, wie in Neapel, auf-gehoben. König Ferdinand fühlte sich durch die Anwesenheit des Papstesin seinem Lande sehr geehrt, küßte den Pantoffel und bot sich zum Retterdes heiligen Vaters an, wofür ihn dieser in der Allocution vom20. Mai1850 einen frommen König nannte. Die Briefe des englischen GesandtenGladstone in Neapel an den conservativen Lord Aberdeen warfen dage-gen ein übles Licht aus das Straf- und Gefängnißwesen des Königreichsbeider Sicilien und die Rachsucht der herrschenden Partei, welche sogarden verhaßten Delcaretto auf den Schauplatz seiner Schandthaten zu-rückführte. Nicht die Leiden der politischen Gefangenen, nicht das Weh-klagen der Angehörigen, sondern Gott selbst erschütterte die Herzender dortigen Machthaber. Vom 14 — 21. August 1851 verheerte einErdbeben den größten Theil der Provinz Basilicata und zerstörte denerzbischöflichen Palast, den Dom und zweiundzwanzig andere Kirchenmit allen Heiligthümern, drei Städte und fünfzig Dörfer. Als mannoch nicht hörte, gab der Himmel ein zweites Zeichen. Die Seiten desAetna öffneten sich (20. August 1852) und entließen aus ihren Ge-fängnissen die glühende Lava, welche meilenweit die Weinberge undWohnungen verwüstete. Da griff die Milde endlich in den Herzen derleitenden Gewalthaber Platz. Vielen Hunderten wurde die Strafzeiterlassen, erleichtert oder abgekürzt, und sogar mehrere neugefällte To-desurtheile nicht vollstreckt. Der tolle Februarausstand der Mazzinistenin Mailand (1853) zog auch bis Neapel und Sicilien schwache Kreiseund führte unter den Bauern Siciliens und dem Militair Neapels neue