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verwirrend, entgegentreten, sind keine neue Begabung,
■ sondern nur eine neue Erscheinungsform des Vorhandenen,1 bedingt durch die neue Kombination der psychischenf Tliätiakcit. Die unendliche Verschiedenheit in den Sym-
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| ptomen der psychischen Krankheiten, selbst in den Fäl-len, wo es uns gelänge, einen gleichen Ausgangspunktbestimmt nachzuweisen, ist nur dadurch zum Verständ-niss zu bringen, dass wir die psychische Gesammtheitder Menschen in’s Auge fassen. Es ist hier mit demWahnsinn ganz ebenso, wie mit dem gewöhnlichen Le-^ ben; dem Freudigen legen sich die Vorstellungen seinerZukunft, die Wahrnehmungen seiner Gegenwart in lich-ten und hellen Bildern zurecht; der Traurige besitzt ur-plötzlich das Talent, überall unglückliche Verkündigungenzu ahnen; der gebildete Verstand löst mit seiner zer-setzenden Kraft das Dunkle und Wunderbare auf, derungebildete erhebt sich kaum zu dem Versuche derThätigkeit und übt höchstens seine Kraft daran, dasser für das Geheimnissvolle ebenso geheimnissvolle Er-klärungen zu finden sucht; der moralisch gute Menschhat andere Gedankenkreise, als der böse. So ist derInhalt des geistigen Lebens eines jeden Menschen mehroder weniger von seiner Persönlichkeit bedingt. DasAlles geht in den Wahnsinn mit hinüber; es ist einnicht oft genug zu wiederholender Satz: Wenn wir denWahnsinn beurtheilen, wenn wir mit ihm durch dasLabyrinth seiner sich durch einander windenden Gängegehen wollen, so müssen wir den früheren Menschen’ auffassen. Die geistigen Eigenthümlichkeiten in Bildung,Charakter, Gemülhslage, die der Mensch zum Wahn-sinn und in den Wahnsinn hinein mitbringt, das sinddie Fäden, die uns richtig bis an’s Ende der verschlun-genen Gänge und wieder zurückführen können.
Mit dieser Erkenntniss erwächst für die geschicht-liche Darstellung des Wahnsinns eine doppelte Aufgabe.Wir wissen, dass in die geistige Eigenthümlichkeit desEinzelnen ein von der Gesammtheit normirtes Gesetzbestimmend eingreift; die freie, selbständige Entwickelung
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