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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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des Einzelnen wird oft unmerkbar von den allgemeinherrschenden Ansichten gegängelt und geführt, so dasswir oft erst an dem Gewordenen erkennen mögen, wel-chen Einfluss sie ausgeübt. Wir müssen also einmaldas wahnsinnige Individuum für sich betrachten, und

zwar in seiner Sinnlichkeit mul Vorstelluns'swelt und in

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der gegenseitigen Ueberwirkung dieser beiden Lebens-kreise, und dann nachsehen, ob die Gedanken, die inder Zeit geschwebt, nicht ihre Gewalt auf die bestimmteGestaltung des Wahnsinns geltend gemacht. In derThat könnten wir an der Analyse der einzelnen Fälledie richtige Fassung unsrer Aufgaben nachweiscn; oderwir haben vielmehr die Verpflichtung, hauptsächlichsolche Fälle zur geschichtlichen Darstellung auszuwählen,in denen sich beide Erscheinungsreihen in ihrem gegen-seitigen Abhängigkcitsverhältniss oder wenigstens inihrem Nebeneinander aufstellen lassen. Wir findenin vielen Fällen von Wahnsinn Erscheinungen von Stö-rungen in den Funktionen des Nervensystems, hysteri-sche Beschwerden, Krämpfe, Störungen in der Tliätig-keit der Sinne, geschlechtliche Störungen, als: Nym-phomanie, krankhafte Sensationen, die vom Genitalsytemeaus beginnen, die z. B. in den Klöstern, in den Schil-derungen des Hexensabbats als genaue Beschreibungendes coifus mit Dämonen zur psychischen Darstellungkommen, und auf der andern Seite finden wir, dass derallgemein verbreitete Glaube die richtige Deutung undAuffassung der organischen Vorgänge verfälscht, dasser sie nach seinen Zwecken umformt, den Erscheinun-gen die von ihm erdachten Gründe unterlegt. Weil dieunheimlichen Gewalten, weil Legionen von Dämonendie Erde bevölkern und gleich bereit sind, zum Ver-derben der Menschen auf sie loszustürzen, wird jedesUnglück, jede Empfindung, die irgendwie atfs dem Kreisedes gewöhnlichen Lebens heraustritt, ihrer Ueberwirkungzugeschrieben; die Furcht vor ihnen vergrössert. das Leid,ruft organische Dispositionen wach, die sonst vielleichtdas ganze Leben hindurch geschlummert hätten, und