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schreckte Magd und ihr Mann suchen sie; auf den mitSchnee bedeckten Strassen ist nirgends eine Spur, dasssie vielleicht sich aus dem Hause entfernt. Man gehtendlich in den Keller und hört dort in einem benachbar-ten Brunnen plätschern. Die Nachbarn werden erweckt;da aber findet sich die Wöchnerin in einem Garten einesNachbarn, zu dem eine kleine Oeffnung aus dem Brun-nen führte, ganz erstarrt vor Kälte, mit ganz durchnäss-ten Kleidern. Sie klagt, lange im Brunnen gesteckt zuhaben, weiss aber keine Auskunft darüber zu geben, wiesie hineingekommen. Sie war mehrere Tage sehr un-wohl, verlässt aber doch am 14ten Deccmber ihr Bett,wickelt ihr Kind, isst und legt sich dann schlafen. DieMagd verrichtet unterdess ein häusliches Geschäft, undfindet bei ihrer Wiederkehr die Frau schlafend, die Wiegeaber leer. Das Kind schwimmt im Brunnen und wird inGegenwart mehrerer Zeugen herausgezogen. Die Mutterschläft wie in tiefer Betäubung. Als man aber an ihremBette gebetet, schlägt sie die Augen auf und erzählt denUmstehenden, wie sie in herrlichen Genüssen geschwelgt,den Heiland gesehen und die Stimmen der Engel ver-nommen habe. Darauf schläft sie wieder ein, erwachtnach vier Stunden und erinnert sich nun erst ihres Kin-des, über dessen Verlust sic in tiefe Trauer verfällt. —1547 stürzte sich in Sachsen eine Bettlerin aus Ver-zweiflung über ihre unglückliche Lage mit ihren beidenSöhnen in die Elbe; sie hatte die Kinder erst dazu über-redet. —• In Straubingen in Schwaben war eine jungeVVittwe von einem Studenten geschwängert worden. DerPfarrer will das Kind nicht taufen, weil ihm der Namedes Vaters nicht gesagt wird. Das Kind wird der Mut-ler zurückgebracht, die unfähig, das Gefühl der Schmachzu ertragen, ihr Kind tödtet und dann sich selbst erdros-selt. Der Student ersticht sich, und der Pfarrer, den seinGewissen als den Urheber anklagt, erhängt sich '). —In Kohlgarten bei Leipzig hatte ein Mensch seinen Vater,
1) Honsdorff, Thiätre d’cxemples p.435.