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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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sie nur, zu improvisiren, und da die Gabe des Wortesein Zeichen der Inspiration ist, so glaubte man sich be-rechtigt, ihnen den Titel eines Propheten zu verweigern,bis sie öffentlich von dieser Befähigung Zeugniss abgelegt.Später konnte man auch ohne das Hauchen in den Mundprophezeien. Die Konvulsionen und Inspiration trat vonselbst ein; wenn öffentlich noch die Aufnahme eines Pro-pheten veranstaltet wurde, so geschah es nur, um einengewissen Glanz über sein Apostelthum zu verbreiten.

Es gab mannigfache Unterschiede in der Begabungder einzelnen Kranken. Die .vollendeten Theomanen hattenKonvulsionen, Ecstasen, Hallucinationen, fixe Ideen undkonnten improvisiren. Manche hatten blos Konvulsionenoder Hallucinationen. Auch die Intensität der Konvulsio-nen war verschieden. Trembleurs hiessen diejenigenPropheten, die blos konvulsirische Zuckungen im Kopfe,in den Schultern, in den Beinen und Armen empfänden.Die Andern galten für Epileptische. Die Anfälle tratenmitunter so heftig und so unerwartet ein, dass die davonBefallenen in wirkliche Lebensgefahr geriethen, weil sicvon hohen Bäumen und von Felsen herunterstürzten 1 ).In der Schilderung der einzelnen Anfälle erkennt mandeutlich die Symptome der Hysterie und Epilepsie.Mehrere von den Improvisatoren warfen sich vor oderwährend ihrer Hede blos auf den Boden hin und beende-ten den Krampfanfall mit einigen Verdrehungen und Gri-massen, so dass bei ihnen der Anfall mehr Aehnlichkeitmit den Erscheinungen des Veitstanzes darbot"). DiePeriode der Aufregung und der Improvisation liicss vor-zugsweise die ecstatische. Alle Inspirirtcn waren aufdas innigste überzeugt, dass der heilige Geist in demAugenblicke in ihre Brust hineinfülire, wo sie sich voneiner unbezwinglichen Gewalt, zur Prophezeiung hingezo-gen fühlten. Sehr charakteristisch für das Verständnissder vorangehenden innern Sensationen ist die Erzählung

n Theätre sacre de Civennes p. 37.

2) Siehe Beispiele im Theätre sacre cte. p., 22, 33.