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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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scheinen allmählich in die Grenzen des gewöhnlichen Le-bens zurückgekehrt zu sein.

2. Hysterie, Ecstase und das Delirium der Tlieo-manie am Grabe des h. Paris in Paris. (173141.)

Am 21. Mai 1727 wurde in dem kleinen Beinhaus vonSt. Medard in Paris der Leichnam des frommen DiakonusParis beigesetzt, welcher einer langen selbstmörderischenBusse endlich erlegen war. Er hatte bis zu seinem Le-bensende energisch gegen die Bnlle unigenUus protcstirt.Die Appellanten 1 ), deren religiöser Enthusiasmus schon

1) In einem Buche von Jansenius, des 1638 verstorbenen Bi-schofs von Ypern, ,, Augustinus, hatten einige Sätze, die vonder Gnade handelten, Anstoss erregt Jansen war in Folgedessen als ein Nachfolger des 1567 als Ketzer verdammten Ba-jus angeklagt worden, sein Buch wurde 1643 von Urban VIII.verboten und von Innocenz X. 1653 eine besondere Verdam-niungsbulle über fünf Lehrsätze erlassen, aber ohne wörtlicheAnführung der Stellen, welche die Irrlehren enthalten sollten,vielleicht aus Scheu vor den Ansichten des heil. Augustinus.Die Anhänger von Jansen behaupteten nun, die verdammtenSätze ständen gar nicht in Jansens Buche und hätten gar nichtin seinem Sinne gelegen, ja Anton Am au Id behauptete so-gar, sie bei Augustinus selbst gefunden zu haben. Es entstanddie Frage, ob der Papst neben seiner Unfehlbarkeit in Glau-benslehren, auch unfehlbar sei in Behauptung eines Thatbestan-Aes , und mit der Kraft eines Glaubensgesetzes aussprechenkönne, ein verstorbener Schriftsteller habe mit diesem oder je-nem einer verschiedenen Auslegung empfänglichen Worte wirk-lich diesen oder jenen bestimmten Sinn verbunden. Alexan-der VII. bejahte diese Frage; die Jausenisten mussten 1656eine Formel unterschreiben, worin ausdrücklich die verdammtenfünf Sätze als Lehren Jansens und als nicht übereinstim-mend mit der ächten Lehre des Augustinus anerkannt wurden.Darüber erhob sich ein erbitterter Streit, an dem Ludwig XIV.unter dem Einflüsse von La Chaise bald lebendigen Äntheilnahm. Die Furcht vor der Wiederkehr einer hugenottischenPartei bewog dazu , die Unterschrift der Formel mit unerbitt-licher Strenge -zu erpressen, nicht nur von Allen, die ein geist-liches Amt bekleideten, sondern selbst von Nonnen. Die Nonnendes Klosters Port Royal (aux chnmps) verweigerten die Un-terschrift. Unbedeutende Zugeständnisse von Clemens IX. (.1668)vermochten nicht den Streit zu lösen. Viele Jansenisten, unterihnen Arnauld, flohen nach den Niederlanden, wo sie eineneue Kirche stifteten. Eine erneute Weigerung der Nonnenvon Port Royal erbitterte den König so, dass er ihr Klosterniederreissen und sie einzeln in andere Klöster schleppen liess.