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wältigen suchte. Mit Schrecken dachte sie au eine frü-here Vision, wo ihr ein zerfleischter Leichnam mit glü-henden Augen, dem auch eine Flamme aus dem Mundesprühte, vor Augen geschwebt hatte. Es wurde ihr dannauch sehr schwer, die Kirche zu betreten, wo ihr Brudereine Messe zur Feier ihrer Genesung halten wollte; ihrFuss bebte scheu vor der Schwelle des heiligen Orteszurück. Bald aber überwand sie auch diesen Widerwil-len, das letzte Ucbcrblcibsel ihrer Krankheit.
Eine ganz eigenthiimliche Form nahm die Krankheiteines Sekretärs Ludwigs XV'., Namens Fontaine, an. Erwar stets ein heftiger Widersacher der Appellanten ge-wesen. Im Anfänge des Jahres 1733 fing er bei einemMittagsessen in einem befreundeten Hause mitten in einergrossen Gesellschaft plötzlich an, sich mit wunderbarerSchnelligkeit auf einem Beine herumzudrehen, und zwareine ganze Stunde lang ohne einen einzigen AugenblickHube. Ein Trieb von oben, liess ihn so schnell als mög-lich ein frommes Buch verlangen. Man gab ihm, weiles zunächst zur Hand war, einen Band der Reflexion,? desPater Quesncl und obgleich Fontaine nicht aufhörte, sichim Kreise zu drehen, las er doch, so lange sein Krampfdauerte, mit lauter Stimme in dem Buche ■). Sechs Mo-nate hindurch kam jeden Tag zweimal diese seltsame Er-scheinung wieder-, bis Fontaine alle acht Bände der Re-flcxionS von Qucsnel über das neue Testament durchgc-lesen hatte. Früh kam das Drehen ganz genau um neunUhr und dauerte anderthalb oder zwei Stunden, Nach-mittags um drei, und hielt eben so lange an. Schon beimAufstchcu empfand Fontaine eine grosse Schwäche in denBeinen. Beim Drehen stand das eine Bein unverrücktfest, auf ihm ruhte das Gewicht des Körpers, währenddas andere Bein während der zwei Stunden mit der gröss-ten Schnelligkeit in der Luft einen Kreis beschrieb, nurzuweilen leicht an den Boden anstreifend. Man zählte
1) Carre de Jloiitgeron, t. 2. p. 12. et sqq.