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in Polen und besonders in Russland vor. Sie erschei-nen von Mittag und Mitternacht und saugen lebendigenMenschen das Blut aus, zuweilen in so grosser Menge,dass es ihnen aus dem Munde, aus der Nase und ausden Ohren wieder herausläuft. Aus einer Art Hunarerverzehrt der Vampir nach und nach das Grabtuch, indas er eingehüllt ist. Seine Verwandten und seineFreunde werden von einem Vampir oder von einemDämon unter seiner Gestalt so lange ausgesogen, bissie an Entkräftung sterben müssen, und zwar alle Per-sonen der Familie nach einander, wenn man nicht Ein-halt thut und dem Vampir den Kopf abschneidet unddas Herz herausnimmt. Wenn man das Grab einesVampirs öffnet, so findet man den Leichnam noch ganzweich, beweglich, aufgeschwollen und roth, wenn erauch schon seit langer Zeit gestorben ist*). — 1693
wurde eine junge Polinn in der Nacht von einem Vam-pir aufgeweckt; man lief auf ihr von dem heftigenSchmerz erpresstes Geschrei herbei und fand, dass dasGespenst ihrer verstorbenen Mutter Zug für Zug glich.Zusehends magerte sic ab und wäre an allgemeiner Er-schöpfung gestorben, wenn man nicht ihrer Mutter denKopf abgeschnitten und das Herz herausgenommen hätte.Auch hier war der Leichnam ganz frisch und unver-sehrt 2 ). — Man sicht aus diesem Beispiel, dass vor-zugsweise Ilallucinationen des Gesichts und des Gefühls
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die Grundlage dieses Wahns bildeten. Wahrscheinlichgab der Meteorismus (Luftauftreibung) eines Leichnams,der anfängt zu faulen, zu dem Irrthum Veranlassung,eine Art Leben in dem Kadaver zu verinuthen.
Von 1700 — 1740 war der Vampirismus in Ungarn,Polen und Mähren beinahe epidemisch. Es kam desAbends, manchmal auch am hellen Tage sehr häufig vor,dass Frauen, junge Mädchen, aber auch junge, kräftigeMänner, kürzlich Gestorbene mit drohenden Bewegungenan ihrer Seite erscheinen sahen. Im Schlafe fühltensie sich von den Armen der Gespenster umstrickt; es
1) Calinet 1. c. Tom. 2. p. 60.
2 ) Ibid. p. 307.