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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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sie ist wechselnd, und schon aus diesem Grunde wirderklärlich, wie ein Kranker in einem Augenblicke dasleiseste Geräusch vernehmen, in dem andern taub seinkann gegen den Knall eines Gewehres. Man musssich wundern, wie selbst in der neuesten Zeit ein fürWissenschaft und Wahrheit sonst begeisterter Menschfür diese Evkenntniss so abschliessen konnte. Es heisstin der Histoire critique du magneiisme animal *):DerSomnambule hat die Augen geschlossen und sieht nichtmit den Augen, er hört nicht mit den Ohren, aber ersieht und hört besser, als der Mensch im wachen Zu-stande. Er sieht und hört nur das, womit er in Rap-port versetzt ist. Er sieht nur das, was er betrachtet,aber er betrachtet nur die Gegenstände, auf welche mauseine Aufmerksamkeit richtet. Im wachen Zustande wirdder von aussen empfangene Eindruck zum Gehirn fort-gelcitet und hier zu einer Empfindung gebildet. ImSomnambulismus wird der Eindruck dem Gehirn durchdas magnetische Fluidum mitgetheilt, ein Fluidum, dasvermöge seiner Feinheit gar nicht durch die einzelnenNervenkanäle durchzugehen braucht. Durch dasselbeempfängt der Somnambule unmittelbar seine Empfindung.

Eben so wenig wie die Theorie der vollkommenenAbschliessung der Sinne für den Somnambulismus zuzulas-sen ist, kann man auch die Theorie der unbeschränktenAusdehnung (extension UUmiice) der Sinnesthätigkeiteinräumen. Es ist wahr, dass in manchen Nervenkrank-heiten einzelne Sinne einen ungewöhnlichen Grad vongchärfe zu erlangen scheinen, aber wenn ein vollkom-men Blinder oder Tauber zu sehen und zu hören ver-sichert, so sind es nur innere Hallucinationen. EinzelneMagnetiseure haben behauptet, dass sich die Seele imSomnambulismus loslöse, dass sie über den Körper unddie Sinnenwelt hinweggehoben würde. Diese Ansichtist mit demselben Maasse zu messen, wie die der alten

I) Deleuze, Histoires critiques etc. Tom. 1. p. 174.