24
2:j Johann Jakob Bodmcr.
Pferde vor, sie ließ sich aus ihrem güldenenSaal, und rennte in einem Keif zu Thal, alswenn ein Feuerstrahl vom Himmel plötzlich inein fernes Thal schießt. Sie brauchte sich auchso emsiglich, daß sie ihnen bei Rhema« vor- 5strich, und sich dem Schiffe auf der Seite zei-gete, ihm zum Wettelaufcn auszubicten, wel-ches diese Männer desto mehr crmanncte, daßsie weidlich Hand anlegetcn, vornehmlich, da sievon ferne bauchte, daß ihnen ein neues Gestirn 10hervorschiene, das war der Wiedcrschein derhohe» Spitze des Thurmes zu Straßburg we-gen der hellen Blitze, welche die Sonne aufderselben erregete, auf daß sie die Gesellschaftbewegete, und also mit ihr schcrtzete, und sie 15behertzt machete zu fahren, denn der Keif warihr vergangen, seitdem sie ihres Vortheils ge-wahr worden. Sie ließ ietzo die Pferde gernelangsam traben, mehr Kurzweil mit dem Schiffezu haben, welches ungewohnter Weise auf dem 20Rhein mit ihr um den Preis wettelief. Denngrosse Händel unternehmen, wird so wohl ge-lobt, als sie begehen. Aber sie mußte herun-tereilen, sich von der Erden erfühlen zu lassen,und sich selber im Meere zu erfrischen, und den 25feurigen Schweiß abzuwischen. Jedoch, ehe sieverläuft, sprang sie zuletzt hinter den Bergenzu etlichen mahlen mit ihren Blicken auf, zusehen, wie sie sich nachschicketen; und als sie esschier vollbracht sahe, sprang sie zu guter Nacht 30noch einmahl auf, und befahl die Gesellschaftdem Rhein; sie gar in die Stadt hineiy zuleiten."
Man müßte ungerecht oder ungelehrt sehn,wenn man dem Verfasser dieser Erfindungen 35und Ausbildungen das poetische Naturell ab-sprechen wollte. Wir erkennen vielmehr, daßZinckgräf in seiner Vorrede zu der allererstenAusgabe einiger opitzischen Gedichte, ehenderzu wenig als zu viel von Johann Fischart ge- 10sagt habe. Ich bekenne zwar, daß ich meinemVorhaben gemäß die besten Stellen dieses Ge-dichtes ausgeschrieben habe, und daß hier unddar viel schwächeres Zeug darinnen ist, zumExempel in dem Tagbuche, was den Zürcher» 45zu Straßburg von Tage zu Tage begegnet sey,welches an Stos und Worten allzu prosaischist: Doch giebt es in diesem kleinen Werckgcnnoch mehrere Schönheiten, deren ich- gedenkenkönnte, und mich würklich nicht Hinterhalten 50kan, noch einiger zu erwähnen. Die Anruf-fung bey der Abfahrt von Zürich an die Sonnezeiget poetische Andacht, Vertrauen, und hof-fende Munterkeit: „O Heller Tag, o liebeSonne, sprachen sie, gönne uns nun deinen 55Schein, und zeige uns dein lichtes rothes Haupt,dessen du uns diese Nacht beraubet hattest. Gehuns zum Heile mit Freuden auf, daß wir un-ser Theil vollbringen, halt mit deinem Scheineheute bey uns, laß dir keine Wolke hinderlich 60seyn. Zünd uns heute den Weg durch deinLicht bis auf Straßburg, welches noch sehr weitist. Denn du wirst durch diese Geschichte auchberühmt werden. Wohlan, dein Vortrab, dieMorgenröthe, zeigt uns, daß du stets beu uns 65halten willst. Wann wir heute deine Hitzsticheempfinden, wollen wir deinen Beystand ver-kündigen"
Die Eigenschaften und die Gestalt der Flüsse
werden mit einer Geschicklichkeit beschrieben,welche in den lateinischen und den griechischenPoeten gewöhnlich bey dergleichen Gelegenheitvorkommt, und in unsern Deutschen noch aufden heutigen Tag mangelt: „Die Limmat,welche auf dem Märchberg, der Ury umringet,entspringt, und durch das Lindthal für Glarisläuft, dann in dem Oberste ersäuft, aber imZürichersee wieder hervorkömmt, und straks fürBade» her nieder läuft."
Von der Aar sagt er: „Die Aar entspringtbeym höchsten Gebürge, dem Gotthard, der indie Wolken dringet, sie windet sich geschwind,und wie ein Fischangel durch Bricnz und denThunersee, und umringet Bern, die LandrcicheStadt, die wohl einen Bärenmuth hat, beydeswahre Lehre zu pflanzen, und ihre Länder mitWehr zu schirmen. Folgendes krümmet sie sichbey Aarbcrg, die alte Stadt Solothurn zuumgeben."
Die Stelle von dem Rhein habe ich schonoben angeführt. In der eben angezogenenStelle ist der Charakter der Berner mit einpaar wahrhaften Zügen berührt. Bon der StadtZürich und ihren Einwohnern hat er auch diedeutlichsten Merckmahle ausgezeichnet: „DieseStadt ward wegen ihrer Tngendmacht so hochgehalten, daß den Eidgenossen gefallen hat, siesollte das erste Ort unter allen seyn. DieseStadt hat die Limmat mit etlichen schönen undweiten Brücken eingefangcn, und ist von vielenStücken berühmt, von Policcy, von Religion,von mancher gelehrten Person, von weisen Leu-ten zum Rath, und von streitbaren Männernzur That."
Ich habe oben den lebhaften und affectvol-len Abschied des Rbcins von unsrer schiffendenGesellschaft nicht vergessen sollen: „Drauf hatder Rhein seine» Abschied genommen, auf daßer bald ins Meer kommen, und ihm die fremdeZeitung bringen mögte, wie er mit ihm umRuhm ringen werde, weil man auch auf ihmso geschwind fahre, dazu ohne Segel, und ohneWind."
Wenn der Poet für sich und in seinemeigenen Nahmen redet, nimmt man öffters eineArt Geistes und Witzes wahr, die in einer sinn-reichen und sehr glücklichen Anwendung derGeschichte besteht: Zum Exempel gerade imAnfange: „Man list von Lerres dem Beherr-scher des Aufganges und der edlen Perser,welcher neun hundert tallsend Man» wider dieGriechen angeführt, als er sehr großen Verlustzur See gelitten, sey er so sehr ergrimmet, daßer das Meer habe geisseln lassen, und Kettendarein gemorsten, es zu stillen, und es nach sei-nein Willen zu fesseln. Aber dieser Hohn halfihm nichts, er floh davon. Desgleichen höretman von Venedig, daß.sie das Meer ihnengnädig zu machen, jährlich einen Ring hinein-werffen, damit es sie wie eine Braut umsienge.Aber wie oft hat es sich mit Uebcrgüssen feind-lich gegen ihnen erwiesen? Wenn sie auch ihrerGemahlin wohl traueren, was dörfften sie vielDämme um dasselbe bauen? Dcshalbcn hatman eine gewissere Weise die Wasser und Flüssezu zähmen, daß sie gcschlacht und gefolgigwerden, und die Leute ohne Beschwerdenfertigen, handfeste Arbeitsamkeit, und stand-