Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
25-26
JPEG-Download
 

25 ,

Johann Jakob Bodmer.

26

haste Unverdrossenheit, durch rudern, stossen,schalten, rc."

Dieses Gedichte ist durchgehends ernsthaf-6g, und man trifft nicht eine schmutzige Zeiledarinnen an, die einem sittsamen Leser anstös-sig seyn möchte. Man weis sonst wie hoch esFischart in der cynischen Sprache gebracht hat.3» seiner freyen Uebersctzung des Gargantuahat er den Rabelais selbst, den Vater der Lot-terbübischen Schreibart, beynahe übertreffen.

Wenn sein Gedichte von der Flöhhetze mitdiesem Fehler nicht besudelt wäre, so dürstenwir es wegen vieler poetischer Gedancken undVorstellungen, in welchen sich eine natürlicheFähigkeit zur Poesie zeiget, desto freyer anprei-sen. Ein Floh klager der Mücke seine Noth,die ihm und andern von seinem Geschlechte vonden Weibern angeihan wird: die Mücke begeg-net ihm mit Trost und Rath auf das freund-lichste. Dem ist die Verantwortung der Weiberauf der Flöhe Verkleinerung angehänget, samtdem Flöhurthcile. Der Floh fängt seine Klagean: „Wem soll ich meine Noth klagen? DenMenschen kan ich sie nicht wohl sagen, wiewohlsie von Natur erkennen, was gut, und wasrecht zu nennen sey; dieweil sie mir gar ge-hässig sind; denn der Gehässige spricht unrccht-mä'ffig. Soll ich sie denn meines gleichen sagen,so wird man mir hinwidcrklagen: Das ist dennKlage um Gegenklage, welche keinem etwasfrommen mag. Es muß einer seyn, der siebeurtheilet, und nach dem Rechten darüberspricht. Dcrohalben will ich zu dem fliehen,von welchem wir alle den Ansang ziehen, dernach seiner Güte und Macht nicht das geringsteGeschöpf verachtet, und überall gantz nichts ver-wahrloset, ohne dessen Willen kein Thier seinHaar läßt. Darum o hoher Jupiter, gewährenun mich armes Thiergcn. Ich bin eine le-bendige »Lvdtenleiche; das machet ein unzartesFrauenbild. - O du böse unbarmhertzige Art,die von keinem Menschen gebohren ward, son-dern von, Krokodil herkömmt, der zum Mordevor Freude weint. Sie lachte zu allen diesenDingen, daß ihr die Augen übergiengen. O Ju-piter, wie kaust du zusehen, daß solche Unbillegeschieht, da doch alle Unbilligkeit Gott zurUnwilligkeit erweckt! Ich thue ja dieses, wozudu mich erschaffen, und nehre mich, wie dumich beruffen hast, mit etwan einem LröpfleinBlutes; und thu es nicht, wie man meint,aus Trutze: so wenig, als der Mensch der Erdezu Trutze sie mit den Pferden zerackcrt, unddem Schafe zu 'Trutze es beschiert, dem Baumezu Leide seine Früchte abnimmt. — Es solltenhinfort alle Flöhe Jovcm um einen Angel bit-ten, daß sie ihren Mangel einbrächten, ja umeinen dreyspitzigen Spieß, den man bis an dasHeft einstiesse; ja daß der fromme Jupiter mitseinem Strahle in sie hcrschöffe, und sie lehrtean Geschöpfen, die niemand betrüben, dergleichenMulhwillen üben. Aber wie einmahl einer ge-schrieben hat, die Strahlen sind bey ihm gartheuer, weil der Vulkanus alt worden ist, daßer nicht wohl mehrere schmieden kan. Oderdie Strahlen sind sonst bey ihm werth undtheuer, daß er sie nicht um eine jede Beschwerdeso liederlich verwagct; gleichwie man von St.Peter sagt, als er einen Lag Herr im Himmel

war, und eine Magd Garn stehlen sah, habeer ihr gleich einen Stuhl zum Schöpf gemorsten,und dadurch seinen Peterskops erwiesen. Hätteer es solchergestalt lange getrieben, so wäre5 kein Stuhl mehr im Himmel geblieben. Also,sollte Jupiter seine Strahlen, so oft wir esverdienen, auf uns losschieffen, so hätte er schonlängstens kein Geschoß mehr. Doch soll darumkeiner sicher seyn, eine langsame Pein ist eine10 lange Pein. — O könnte ich jetzt einen Hagelkochen, ich liesse es doch nicht ungerochen hin-gehen, denn wie kan ich mir doch abbreche»,daß ich mich nicht greulich rächen sollte, weilsie mir als die greulichsten Feinde meine Ael-15 tern, Geschwistern, meine getreuesten Freunde,ja meinen Gemahl ermördet haben? O daß mirdas Hertz nicht in tausend Stücke bricht, wennich gedencke, daß diese lieben Freunde noch da-zu unbegraben sind! Ach warum hast du mich20 doch also gemacht, daß ich dem Weibervolck zumOpfer würde? Oder warum hast du die Weiberalso geschaffen, nur daß sie uns straffsten?Entweder sollten keine Flöhe seyn, oder keinWeib sollte mehr werden, weil diese beyde sich25 nie vertragen. Aber es ist gar ein ungleichesDing, daß ein Zwerg mit einem Riesen ringe,was zörne ich denn lange, ich thue mir nurselbst mit Zorn weh. Ich will es dir befehlen,Jupiter, du kanst mein Recht zurecht bestellen.30 Räche du den Mord in unsrem Namen; laßuns als deine Geschöpfe nicht so zu schändenmachen. Denn an den Bösen nicht Rache üben,das heißt den Frommen Schmach anthun."-Es sind in dieser Rede Affecte und Em-35 psindungen genug; und diese sind mit einer ge-wissen Scharfsinnigkeit, und einer lehrreichenEinsicht begleitet. Sinnreiche Sprüche undkluge Lehren regiere» in dem gantzen Gedichte;sie werden nicht zu weit hergehohlet, daß sie40 dem Verstände Mühe machten, sondern sie flies-sen freywillig aus dem Affecte und der Sacheselbst; und werden daneben in einer deutlichenRedensart vorgetragen. Man könnte etlicheDutzend dergleichen, die eben nicht von den ab-45 genutztesten sind, zusammenlesen. Z. E- „Sorgeund Angst dörret das Hertz aus, des GemüthesSchmertz verzehret den Leib. — Den Schadenverschweigen macht ihn steigen, und ihn anzei-gen, macht ihn neigen. - Der Witz der Armen50 liegt in der Asche, da der Reichen in der Tascheliegt. Der Tasche Witz gilt nicht länger, alsso lange man Geld hak; der Aschen Witz ruhetwie ein Schatz, und scheinet, wenn man ihnhcrvorkratzet. — Das Kleine kömmt auch zu55 statten, ein kleines Härgen giebt auch einenSchatten. — Schlägt List zu der Grausamkeit,so hilft keme Geschwindigkeit für den Tod. —Auch schuldiges Blut, naget einem das Hertz,geschweige, was das unschuldige thut. — Was60 ist sich zu verwundern, wenn die Wolcken inder Hitze donnern, das ist, wenn die Jugendmuthwillig ist, die es sich vor billig hält; soes doch kalte Wolcken ebenfalls thun, nemlichdie alten Vetteln? — Der Feind muß öfters65 unverhoft auch seinen Feind verehren. - DerTod, den grosse Leute einem anthun, wird ge-ring geachtet. — Es lautet gleich, etwas nichtwissen, und das man weiß, nicht gemessen kön-nen." Diesen letzten Gedancken hat Milton