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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
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53-54
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Christian Ludwig Liöcov.

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Mcnschenangesicht auf dessen Stirne die Zahl«66 sich deutlich zeiget. Das Haupt ist miteiner Art von Mützen gezieret, die anfangsimmer spitzer wird; endlich aber sich zn beydenSeiten, als eine Flagge, ausbreitet, in deren 5Mitten ein halber Mond zu sehen, welcher zurRechten und Linken mit Caracteren umgebenist, die den arabischen und malabarischen Buch-staben ähnlich sind. Um den Hals ist ein dop-pelter Kragen; auf der Brust siehet man ganz 10deutlich ausgedruckte hebräische Buchstaben, undder zu diesem Gesichte gehörige Cörper läuftUnterwerks immer spitzer zusammen, und ge-winnet endlich fast die Gestalt eines Fisch-schwanzes. Au beyden Seiten des Kopses sehen 15Sie zweene förmliche Sterne. Sie sehen fernerauf meiner Fensterscheibe Eometen, Donnerkeile,chymische Zeichen, magische Caracteren, latei-nische Buchstaben, Zahlen, Gesichter, Blumen,Bäume, ein vicrfüßiges Thier mit einem mensch- 20lichen Antlitze, Bockshörnern und einem Ratzen-schwanz, des Neptuns Dreyzack, den Jupitermit zween Trabanten, die Jahrszahl, eine förm-liche Vestung, musicalische Roten, und ich weißnicht was für andere seltsame Figuren mehr. 25Mich beucht, eine solche Fensterscheibe ist wehrt,daß man sie bewundere; sie ist geschickt, allenguten Gemühtern zu erbaulichen Gedanken An-laß zu geben, und ich scheue mich nicht zu sagen,daß, wer dadurch nicht gerühret wird, ein voll- 30ständiger Atheiste sey.

Wenn ich dem Exempel unserer neuen Na-lurkündiger folgen wollte: so könnte ich hierschlieffen und Sie Gott befehlen. Diese Herrenhaben die Gewohnheit, daß sie sich begnügen, 35von einem künstlich gebildeten Steinchen, odereiner andern dergleichen Rarität ihrem Lesereine magere Beschreibung zu geben, sich daraufvon ihm zu beurlauben, und ihre Schrift miteinem andächtigen Seufzer zu beschließen- Allein 40ich schäme mich, es eben so zu machen, undhalte mich schuldig, Ihnen meine Gedanken überdie Wunder mitzutheilen, die ich entdecket habe.

Ich hoffe, mein Herr, Sie werden es mirzu gute halten, wenn ich es, über Verhoffen, 45nicht allemal treffen sollte. Ich schreibe voneiner Sache, daran vor mir kein Mensch ge-dacht hat. Ich habe also keinen Vorgänger, denich ausschreiben könnte. Ich muß alles, wasich schreibe, aus meinem Kopfe nehmen. Dieses 5üist mühsam, und ein Scribent, der sich in sol-chen Umständen befindet, verdienet, daß manGeduld mit ihm hat. Es giebt sehr wenige,die dieses erkennen, weil es wenige giebt, diewissen, was es sey, aus seinem eigenen Kopfe 55zu schreiben- Die meisten wählen ihnen solcheMaterien, von denen andere bereits allesgesagt haben, was zu sagen ist. Ich preisesolche Scribentcn glücklich. Ich lobe sie; aberich bitte sie auch hergegen zu bedenken, daß es 60mich weit mehr Mühe kosten müsse, vier oderfünf Zeilen zu schreiben, als es sie kostet, ganzeBogen zu beklecken. Nichts ist leichter, alsnachbeten, was mir ein anderer vorsagt. Schriebeich z. E. von einem Sternstcine, so wollte ich 65bald fertig werden. Ich könnte nur sagen, manfinde solche Steine an unterschiedenen Orten.Der und der habe dieses und jenes davon ge-schrieben, und ich hätte nichts mehr zu sagen,

als daß ich auch einen gefunden hätte, der sound so aussähe. Ich könnte, wenn dieses nochnicht genug, hinzusetzen, was man von den Wir-kungen und Kräften eines solchen Steines saget,und durch Anführung vieler Scribenten, derenkeinen ich mit Augen gesehen, vielweniger ge-lesen, mir den Ruhm eines gelehrten und bele-senen Mannes erwerben.

Diese Art zu schreiben ist so leicht, daß ichmir getraue, von meinem Hunde, der sonderlichartig gezeichnet ist, ein feines Werkgen zu schrei-ben, wenn ich es so machen wollte. Denn daßes viele bunte Hunde gebe, das ist bekannt, daßich auch einen habe, das ist gewiß; dieser aberist andern bunten Hunden vollkommen nichtähnlich. Wenn ich dieses sagte, und dabey meinHündchen in Kupfer stechen liesse: so wäre meinBüchlein fertig-

Aber es ist mir wohl verboten, diesen leich-ten und lustigen Weg zu wandeln, wenn ichauch gleich Lust dazu hätte. Gefrorne Fenster-scheiben, die so viele Seltenheiten in sich fassen,als die meinige, sind nicht so gemein, als einSternstein und bunte Hunde.

Ich bin der erste, der davon schreibt. O waswird es mich nicht vor Mühe und Nachdenkenkosten, mein wichtiges und nützliches Vorhabenso auszuführen, daß ich Ehre davon habe! Ichbin schuldig, falls ich mich um diejenigen recht-schaffen verdient machen will, die ctwan, durchmein Beyspiel aufgemuntert, nach diesem voneben dieser Materie schreiben werden, alles zusagen, was gesagt werden kann, damit ihnenihre Arbeit desto leichter werde, und ich dasVergnügen haben möge, die trostreichen Worte:„Siehe den sehr gelehrten R-obert Clifton, jenesgrosse Gestirn Englands", auf allen Seitenihrer Schriften zu lesen. Die blosse Vorstellungdieses Vergnügens versüßet mir meine Arbeit,und machet, daß ich alle Schwierigkeiten verachte-Ein großes Werk beginne ich,

Doch gibt mir Kräfte der Ruhm.

Ich wende mich demnach, ohne fernere Weit-läufcigkeit, zur Sache selbst, und werde dieEhre haben, Ihnen sowohl meine wenigen Ge-danken von den Figuren meiner Fensterscheibezu eröffnen, als auch zu sagen, was anderedavon geurtheilet haben- Denn, mein Herr,Sie können leicht gedenken, daß ich über eineSache von der Wichtigkeit, Leute, die gelehrter,als ich, zu Nahte gezogen. Als Nebucadnezareinen bedenklichen Traum gehabt hatte, undfein Sohn Belsazer die unbekannte Schrift anseiner Wand nicht lesen konnte, wurden alleWeisen und Chaldäer zusammen gerufen. Nunwill ich eben meine gefrorne Fensterscheibe nichtmit dem Traume und der Schrift vergleichen, wo-durch diese beyden Monarchen so verwirrt gemachtworden; so viel kann ich aber sagen, daß ich un-gemein dadurch gerührt worden, und wenn Siewissen wollen, wie mir zu Muhte gewesen, als ichden 13ten Jenner des Morgens zwischen 8 und0 Uhr meine wunderbare Fensterscheibe zuerst er-blickte: so kann ich Ihnen meinen Zustand nichtbesser beschreiben, als wenn ich sage, daß icheben sobestürzt gewesen, als Belsazer.

Ich ließ demnach alle Weisen und Gelehrten,die ich kannte, zu mir bitten, und wenn icheinen Zauberer zu finden gewußt hätte, würde