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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Ehristian Ludwig Liscov.

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ich nicht ermangelt haben, auch denselben umNaht zu fragen. Sie fanden sich in ziemlicherAnzahl ein, und ich legte ihnen einen Abrißvon meiner Fensterscheibe vor. Nachdem sienun die seltsamen Figuren wohl betrachtet, undsich höchstens darüber gewundert hatten, fingder l>. Bromlry, ein Mann von ziemlicherGelehrsamkeit, aber auch von sehr wunderlichenEinfällen, mit seiner gewöhnlichen Beredsamkeitan, zu behaupten, die Bilder auf meiner ge-frornen Fensterscheibe wären prophetisch undvoller Geheimnisse.

Er wisse wohl, setzte er hinzu, daß unsereKirche nicht viel von neuen Offenbarungen halte:allein er wisse auch, daß sie dieses nur in An-sehung der Lehrpunkten thäte, und gerne zu-gebe, daß Gott auch noch heutiges Tages daszukünftige Schicksal seiner Kirche gewissen Leutenoffenbaren könne. Es sey, fuhr er fort, offen-bar, daß meine gefrorne Fensterscheibe eben zusolchem Ende mit so lehrreichen Bildern ge-zieret worden. Er bat die ganze Gesellschaft,ihm zu sagen, ob das in der Mitte befindlicheGesicht mit der hohen Mütze wohl etwas anders,als das Bild der großen Hure, sein könne?Die Zahl des Thieres, die an der Stirn diesesBildes so deutlich zu sehen, könne, sprach er,auch den hartnäckigsten von dieser Wahrheitüberführen.

Der halbe Mond bedeute den Türken, unddaß die Flagge, auf welcher derselbe zu sehen,mit der hohen Mütze zusammen hänge, sei nichtvon ungefähr gekommen; sondern, um anzu-deuten, daß die beyden Antichriste in der Ver-folgung der Gläubigen mit einander übereinkämen. Daß nun über das Pabstthum sowohl,als über das türkische Reich ein schweres Ge-richt ergehen werde, könne man aus dem Co-mete» und Donnerkeil, zwiyen deutlichen undunstreitigen Zeichen des göttlichen Zornes, schlies-sen. Die Zeit aber, wann dieses Gericht werdevollzogen werden, sey so deutlich bemerkt, daßman desfalls nicht den geringsten Scrupel habenkönnte, denn die Jahrszahl 1732 lasse sich untenin der Ecke zur Linken so deutlich lesen, daßderjenige ganz verstockt und verblendet seinmüßte, der noch daran zweifeln wollte, daßnoch vor Ablauf dieses Jahres der Antichrist inOrient und Occident fallen werde. Es seyüberdcm die Jahrszahl so artig gesehet, daßman sich nicht genug darüber wundern könnte.Denn wenn man die Zahlen, so wie sie untereinander stünden, zusammen sehte: so kämendie beyden Jahrhunderte heraus, in welchen dasPabstthum unter dem rüchtigcn Hildedrand aufshöchste gestiegen, und der Lügenprophet Maho-met aufgestanden. '

Die übrigen Figuren, fuhr er fort, würdenunstreitig auch ihre Bedeutung haben, die,wenn sie bekannt wäre, seine Erklärung unge-mein bekräftigen würde: Allein, gleichwie vieleWeissagungen der Art wären, daß sie durchnichts, als durch den Erfolg, verständlich wür-den: so müsse man auch die Erklärung derübrigen Figuren meiner Fensterscheibe so langeaussetzen, bis das, was durch selbige vorherverkündiget, wirklich geschehen sey- Doch, wasdie Noten anlange, wolle er uns nicht verhal-ten, wie er für seine Person feste versichert sey.

daß, gleichwie auf der ganzen Fensterscheibe derFall Babels vorher verkündiget werde, also dieNoten nichts anders, als das Triumphlied derGläubigen, andeuten sollten.

Die ganze Versammlung schüttelte die Köpfezu dieser wunderlichen Erklärung; aber wasdann eigentlich die seltsamen Figuren bedeutensollten, darüber konnte sie sich nicht vergleichen.Der eine fand darinn die Ueberfahrt des DonCarlos nach Italien; der andere die Unruhe inCorsica; der dritte, ein Eidwegerer, das Schick-sal des Prätendenten; der vierte, ein Mathe-maticus, behauptete, wenn man die auf meinerFensterscheibe befindliche Zahlen, auf eine gewisseArt, mit einander vermehrte und theilte: sowürde man die Quadratur des Zirkels finden.Diesem widersprach der fünfte, und suchte unszu überreden, daß in den Zahlen eine schöneAnleitung zu Erfindung des Steins der Weisenstecke. Er meinte, wer die Zahlen 12345078»»auf alle mögliche Arten versetzte, und die Summe,so alle diese Versetzungen, zusammen genommen,ausmachten, mit 6l>6 vermehrte, und daraufmit '.»<> theilte, der würde seine Zeit nicht übelanwenden. Der sechste sprach hierauf lächelnd:„Meine Herren, ich wundere mich, daß keinervon ihnen der hebräischen Buchstaben gedachthat, die recht mitten auf der Fensterscheibe zusehen sind. Wer da einsichet, was diese Buch-staben sagen wollen, der verstehet alle übrigenFiguren. Ich getraue mir, durch Hülfe derCabbla, hinter den wahren Verstand derselbenzu kommen: Allein, dieses erfordert viel Nach-sinnen, und es ist hier der Ort nicht, viel davonzu reden. „Aber auch dieser fand kein Gehör;sondern ein jeder meinte, seine Erklärung seidie beste, und lachte die andern aus.

Auf solche Art zankten sie sich eine geraumeZeit mit einander, und ich dachte bei alle demGeplaudere: Ihr habt recht gethan, und dochbin ich viel ungewisser, als vorher. In dieserUngewißheit sagte ich zu dem Ritter Cockburn,der noch seinen Mund nicht aufgethan hatte:„Sie sehen, mein Herr, wie scheinbar ein jederdieser Herren seine Meinung vorträgt, und daßes ihre Schuld nicht ist, wenn ich mir nichteinbilde, daß ich einer hohen Offenbarung ge-würdiqet worden. Sagen sie mir, wie bin ichdaran? und wer hat, nach Ihrer Meinung,Recht?« „Keiner, war seine Antwort: denn dieFiguren auf Ihrer Fensterscheibe sind zufälligerWeise entstanden, und bedeuten nichts: hat aberja die Natur eine Absicht gehabt: so ist es keineandere, als den verworrenen Zustand des Ge-hirnes vieler Gelehrten abzubilden, die sich nichtschämen, mit der grössesten Ernsthaftigkeit dieelendesten Grillen vorzubringen." Dieser kurzeund nachdrückliche Ausspruch endigte alle unsereBetrachtungen, und ein jeder gieng hin, woer hergekommen.

Als ich mich nun allein befand, wiederholet«ich in Gedanken alles, was geredet worden;und ob ich zwar wenig Trost darinnen fand:so lernete ich doch so viel daraus, daß die Ge-danken, welche die Gelehrten über eine dunkeleSache wachend haben, den Träumen der Schla-fenden nicht ungleich. Denn, gleichwie dieseihren vornehmsten Grund in den Verrichtun-gen des vorigen Tages haben; so findet ein

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