63
Christian Ludwig Liscov.
64
derliche Freude seyn würde, wenn meine Lands-leute durch meine Aufnahme in eine so be-rühmte Gesellschaft, als die Ihrige ist, über-führet werden möchten, daß es ausser dieser In-sel Leute gebe, die meine Verdienste besser zuerkennen wissen, als mein undankbares Va-terland.
Gewiß, mein Herr, ich möchte Blut wei-nen, wann ich daran gedenke, wie sehr derGeschmack meiner ganzen Nation verdorben ist.Sie werden vermuthlich wohl gehöret haben, wielecker wir Engeländer in Essen und Trinken sind;wie wir an unsern Speisen künsteln, und allesfür abgeschmackt halten, was nicht unsern ver-wöhnten Gaumen aufs empfindlichste kützelt.Dieses Verderben einer sonst vortrefflichen undklugen Nation ist zu beklagen; aber noch mehrist zu bedauren, daß wir, in Ansehung derNahrung unserer Seelen, eben so lecker undeben so unmäßig sind, als in unserm Essen undTrinken.
Ich kann mit Seneca sagen: „ Wie in allenDingen, so leiden wir auch in den Wissenschaf-ten an Unmäßigkeit." Diese Unmäßigkeit imWissen hat sich unter den Gelehrten dieser Inselso sehr ausgebreitet, daß ich und meines Glei-chen, die wir durch unsere Reden und Schriftenunser gerechtes Mißfallen darüber an den Taglegen, diesem Unwesen zu steuern nicht vermö-gend sind; ja noch dazu, wegen der Mäßigkeitim Wissen, der wir uns befleißigen, für ein-fältige, ungelehrte Leute gehalten, und als elendeund armselige Scribenten, wie man uns garverächtlich nennet, fast von jederman ausgezi-schet werden. 0 lowpara! o moros! Mangehet mit uns um, daß es zu bejammern ist,und ich selbst habe es mehr als einmal erfahren,daß alle Bemühung, den Beyfall unserer leckernGelehrten zu erhalten, vergeblich sey.
Ob man mir demnach gleich rathen wollen,der hiesigen königlichen Societät der Wissen-schaften, von meinen Entdeckungen Nachrichtzu geben, und meine Gedanken über die ge-frorne Fensterscheibe dem Urtheile derselben zuunterwerfen: so habe ich doch Bedenken getra-gen, diesem Rathe zu folgen. Was kann ichvon einer Gesellschaft hoffen, deren Glieder mitallen Gelehrten meiner Art fast in offenbaremKriege leben, und vor unsern herrlichen Schrif-ten einen fast unüberwindlichen Eckel bezeugen?
Ein Gelehrter, der einen Brief, als derje-nige ist, den ich die Ehre habe an Sie zuschreiben, an eine gelehrte Gesellschaft richtet,erwecket bey dem Leser den Verdacht, daß ereinen Platz in derselben suche, und, wenn erdieser Ehre nicht gewürdiget wird, ein allge-meines Gelächter. Ich mag nicht, daß manmich auslache: und daß mich unsere Societätder Wissenschaften, meiner gefrorncn Fenster-scheibe wegen, in die Zahl ihrer Glieder auf-nehmen werde, kann ich ohne Thorheit nichthoffen.
Ich begehre es auch nicht. Denn wer willmir gut dafür seyn, daß sie mich nicht, wennich fortführe, nach meinem Geschmacke zu schrei-ben, unter dem Vorwand, sie habe Schimpf
von mir, wieder ausstvßen würde? Ich kennesie gar zu wohl. Sie versteht kein Ehrenwort,und wenn man ihr, aus Höflichkeit, verspricht,sich zu bessern, und sich zu bemühen, solcheSchriften ans Licht zu stellen, welche fähig, zuverhindern, daß die getroffene Wahl sie nichtgereue: so macht sie Ernst daraus, und hältsich berechtiget, dieses, als eine Schuldigkeit,zu fordern. Ich liebe die Freyheit, und lassemir die Hände so nicht binden. Würde es miralso nicht eben so gehen, als meinem wehrtenFreunde, Mr. Makewind?
Dieser junge Mensch ist einer der vortreff-lichsten Köpfe unserer Zeit, und wird wenigeseines gleichen haben. Man hat an ihm, vonseiner Kindheit an, vielen Witz, und eine un-gcmein starke Einbildungskraft wahrgenommen.Diese vortrefflichen Gemühtsgaben sind mit denJahren immer stärker geworden, und alle, dieihn kennen, geben ihm das Zeugniß, daß er inseinem 14ten Jahre Dinge gethan, darüberman erstaunen muß.
Die Eltern sparten nichts an seiner Erzie-hung, weil sie sich von einem Knaben so guterHoffnung mit Recht grosse Dinge versprechenkonnten. Sie gaben ihm die geschicktesten Lehr-meister: Aber keiner von allen war so geschickt,daß er ihm eine Lust zu den Anfangsgründender Wissenschaften hätte beybringen können, inwelchen junge Leute pflegen unterrichtet zu wer-den. Er sahe dieses als Kleinigkeiten an, undtrachtete nach höher» Dingen.
Man schickte ihn demnach, wie er kaum 17Jahr alt war, nach Cambridge. Ich weiß nichtwarum. Denn man will für gewiß sagen, daßer sich schon seit seinem 12ten Jahre nicht un-deutlich merken lassen, daß er mit der gemeinenArt zu studiren nicht zufrieden sey, und es alseine. grosse Thorheit ansähe, daß man die schönsteZeit des menschlichen Lebens mit einem ver-drießlichen Lernen zubrächte, die man mit meh-rerm Ruhm anwenden könnte, andere zu lehren.Ich weiß nicht, ob sich dieses so verhält: soviel weiß ich, daß er seine Lehrer zu Cambridgenicht für würdig gehalten, das Geringste vonihnen zu lernen. Ein so aufferordcntlicher Kopfbrauchte keines Unterrichts. Er war klüger,als sie alle, und sieng sein Studiren da an,,wo andere Gelehrte aufhören.
Es fand sich zu der Zeit die, allen recht-schaffenen Gelehrten so nöthige, Dreistigkeit beyihm ein. Er schrieb demnach Bücher, undzeigte also, daß es grossen Köpfen ein leichtes,auch ohne etwas gelernet zu haben, von aller-hand Materien die schönsten Sachen zu schreiben-Oxford war der Ort, da er ansieng sich her-vor zu thun. Er that es mit sonderlichemGlücke, und alles, was er ansieng, gieng ihmum so viel besser von statten, je weniger er inseiner Arbeit von der verdrießlichen Eigenschaftdes Verstandes, welche man die Beurtheilungs-kraft nennet, beunruhiget und gehindert wurde.
Diese glückselige Beschaffenheit seines Ge-müths machte, daß die gelehrte Welt mit einervortrefflichen Schrift nach der andern beschenket,und in die äusserste Bestürzung gesetzet wurde.
5
10
15
20
25
30
35
»0
45
50
55
60
65
t> O Zeiten! o Sitten!