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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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61-62
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Christian Ludwig Liscov.

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scheide von dem Athem der in meiner Stubeversammleten Gelehrten entstanden. Und diesesist eine Entdeckung, die nicht nur ganz neu,sondern auch von so grosser Nutzbarkeit ist, daßich mich in meinem Gewissen verbunden achte, 5noch bei gegenwärtiger ParlamentsversammlungIhro Majestät unserm allergnädigsten Königesowohl, als den beyden Häusern, dieselbe imVertrauen bekannt zu machen. Ich werde da-durch die Pflichten eines wohlgesinnten Bürgers 10erfüllen, und mich um meine Nation, ja umdie ganze Welt, unsterblich verdient machen.

Lachen Sie nicht, mein Herr! Ich rede dieWahrheit; Und wenn Sie nur belieben, derSache ein wenig nachzudenken, werden Siebe- 15finden, daß kein besserer Vorschlag zu glücklicherEntdeckung aller wider die Regierung, und dieRuhe eines Landes geschmiedeten Anschläge könneerdacht werden, als derjenige ist, den ich zuthun willens bin. Denn da die Figuren auf 20meiner gefrornen Fensterscheibe so augenschein-lich zeigen, daß man alles, was zu Winters-zeiten, wann es stark frieret, in einem Zimmervorgegangen, und geredet worden, aus den ge-srornen Fenstern lesen kann: so, beucht mich, 25wäre es eine heilsame Sache, wenn es der Re-gierung gefallen wollte, zu verordnen, daß zusolchen Zeiten alle Morgen die Fenster in allenverdächtigen Häusern besichtiget werden sollten.

In dem mitternächtlichen Theile von Großbrit- 30tanien wäre eine solche Besichtigung am nöthig-sten, weil daselbst die Zahl der Mißvergnügtenso groß ist, als die Kälte. Ich hoffe, die Re-gierung wird dieses erwegen, und meinen herr-lichen Vorschlag nicht nur billigen; sondern 35auch belohnen.

Sie, mein Herr, wohnen in einem Lande,da es ungemein stark frieret. Meine Entdeckungkann also bei Ihnen fast noch mehr Nutzenschaffen, als bei uns, und Sie werden wohl 40thun, wenn Sie Ihrer Monarchinn Nachrichtdavon geben. Ich bin Ihnen gut dafür, daßSie diejenige Belohnung erhalten werden, dieman für einen Vorschlag von der Wichtigkeit voneiner so freygebigen und großmüthigen Pri»- 45zeßinn, als Ihre Beherrscherinn ist, hoffen kann.

Ich verlange nicht, mein Herr, daß Sie dieBelohnung, die Siebekommen, mit mir theilensollen. Ich bin zufrieden, wenn Sie mir nurdie Ehre der ersten Erfindung lassen, und werde 50meine Mühe für überflüssig belohnet halten ,wenn Sie belieben werden, die Wunder, dieder Frost wirket, nach Verschönen Gelegenheit,die Ihnen Ihr Clima giebt, weiter zu erfor-schen, und mir Ihre Entdeckungen mitzutheilen. 55

Ich ersuche Sie darum, mein Herr, und habeaus keiner andern Ursache Ihnen von meinergefrornen Fensterscheibe eine so umständlicheNachricht gegeben, als um Sie zur Betrach-tung einer Sache aufzumuntern, welche Sie, 60weil sie bey Ihnen gar zu gemein ist, vielleichtbishero Ihrer Untersuchung nicht wehrt geachtet^ben. Ich hab? ^ eben dem Ende an einenGelehrten in der 3?vrr-> üel lüoKv. i) und nachemer unbekannten Insel unter dein Südpol, 65Angelpont genannt, welche der zu Brinn sitzende

Prinz von Chabanois, der sich einen Königdavon schreibt, entdecket, und nach seiner Ge-mahlinn, -knxeligus üu kont, also betitelthaben will, geschrieben: So bald ich Antworterhalte, werde ich nicht ermangeln, Ihnen auchvon den Gedanken Nachricht zu geben, welchedie dasigen Gelehrten über meine gefrorne Fen-sterscheibe haben.

Indessen, mein Herr, will ich Sie nachma-len inständigst gebeten haben, meine Entdeckung,die ich mir gemacht zu haben einbilde, nachder grössesten Schärfe zu beurtheilen. Sie sindgeschickt dazu, das weiß ich, und können michnicht allein, wenn ich, über Verhoffen, gefehlet,eines bessern unterrichten; sondern auch durchdie Anmerkungen, die Sie vielleicht schon ge-macht haben, meine Gedanken bestärken. Ichkehre mich an diejenigen nicht, die mich aus-lachen, daß ich einem Samojedcn viel von einergefrornen Fensterscheibe vorschwatze, und be-haupten, daß man in einem Lande, welches miteiner fast immerwährenden Finsterniß bedecktist: „in dem Strich der Erde, den Nebel drücktund schädliche Witterung;") und dessen Ein-wohner wie die Thiere in Höhlen und Löchernliegen, nicht einmal wissen, was ein Fenster sey.Ich traue dem Herrn Medley, der Ihren Pallastin Beresowa, und Ihr prächtiges Lustschloß,unfern Sobskaja an dem Oby, mit seinen Au-gen gesehen hat, mehr, als den elenden Bü-chern, in welchen die abgeschmacktesten Fabelnvon Ihrer vortrefflichen Ration enthalten sind.

Wofern Sie es für gut finden, können Siediesen Brief in der Versammlung der vortreff-lichen Köpfe verlesen, welche, wie ich von demHerrn Medley vernehme, wöchentlich viermal,unter Dero Aufsicht, zusammen kommen. Eswird mir eine Ehre seyn, solchen Leuten bekanntzu werden, und Sie würden mich Ihnen un-gemein verbinden, wenn Sie die Güte habenwollten, diese gelehrte Gesellschaft, in meinemNamen, gekorsamst zu ersuchen, mich, in Be-tracht meiner grossen Verdienste, aus eigenerBewegniß, zu ihrem Mitgliede anzunehmen.

Ich könnte Sie dieser Mühe überheben, undnur selbst in einem wohlgesetzken Schreiben derGesellschaft die grosse Begierde zu erkennen ge-ben, welche ich habe, die Zahl ihrer Gliederzu vermehren; aber dieses ist nicht Sitte inunserm Lande. Wer bey uns Lust hat, in einegelehrte Gesellschaft aufgenommen zu werden,der begnügt sich, an das Haupt derselben einen,mit einem Wunderbilde begleiteten, Brief zuschreiben; so ist die Sache richtig. ^Dieser Ge-brauch gefällt mir wohl: Denn auf solche Artist die Aufnahme dem neuen Mitgliede um soviel rühmlicher, weil es läßt, als sey sie ohnesein Gesuch geschehen. Ich habe mich also vonder löblichen Gewohnheit meiner Landsleute nichtentfernen wollen, und glaube, daß dieser Briefmir Ihren Vorspruch bei der gelehrten Gesell-schaft, deren Haupt Sie sind, und die Ehre,ein Mitglied derselben zu heiffe», zuwege brin-gen werde.

Ich bin zwar nicht ehrgeizig; aber ich kannIhnen doch nicht bergen, daß es mir eine son-

>> «cu-rlw,d. 2) Horaz. Oben, I. 22, P. 19 . M (übersetzt »e» Preist.