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Gotthold (Ephraim Lessing.
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chen der körperliche Schmerz nicht der kleinsteTheil des Unglücks ist, das den leidenden Heldentrift. Außer dem Philoktet, der sterbende Her-kules. Und auch diesen läßt Sophokles kla-gen, winseln, weinen und schreyen. Dank sey 5unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern desAnständigen, daß nunmehr ein winselnder Phi-loktet, ein schreyender Herkules, die lächerlichstenunerträglichsten Personen auf der Bühne seynwürden. Zwar hat sich einer ihrer' neuesten 10Dichter i Chateaubrun) an den Philoktet ge-' wagt. Aber durste er es wagen, ihnen denwahren Philoktet zu zeigen?
Selbst ein Laekoon findet sich unter denVerlornen Stücken des Sophokles. Wenn 15uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon ge-gönnet hättet Aus den leichten Erwähnungen,die seiner einige alte Grammatiker thun, läßtsich nicht schließen, wie der Dichter diesen Stoffbehandelt habe. So viel bin ich versichert, daß SOer den Laokoon nicht stoischer, als den Philok-tet und Herkules, wird geschildert haben. AllesStoische ist »«theatralisch; und unser Mitleidenist allezeit dem Leiden gleichmäßig, welches derinteressirende Gegenstand äußert. Sieht man 25ihn sein Elend mir großer Seele ertragen, sowird diese große Seele zwar unsere Bewunde-rung erwecken, aber die Bewunderung ist einkalter Affekt, dessen unthätiges Staunen jedeandere wärmere Leidenschaft, so wie jede andere 30deutliche Vorstellung, ausschließet.
Und nunmehr komme ich zu meiner Folge-rung. Wenn es wahr ist, daß das Schreyenbey Empfindung körperlichen Schmerzes, beson-ders nach der allen griechischen Denkungsart, 35gar wohl mir einer großen Seele bestehen kann:so kann der Ausdruck einer solchen Seele dieUrsache nicht seyn, warum demungeachret derKünstler in seinem Marmor dieses Schreyennicht nachahmen wollen; sondern es muß einen 40andern Grund haben, warum er hier von sei-nem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, derdieses Geschrey mit dem besten Vorsätze aus-drücket.
II. Es sey Fabel oder Geschichte, daß die 45Liebe den ersten Versuch in den bildenden Kün-sten gemacht habe: so viel ist gewiß, daß sieden , großen alten Meistern die Hand zu führennicht müde geworden. Denn wird itzt die Ma-lerey überhaupt als die Kunst, welche Körper 50auf Flächen nachahmet, i» ihrem ganzen Um-fange betrieben: so hatte der weise Grieche ihrweit engere Grenzen gesetzct, und sie bloß aufdie Nachahmung schöner Körper eingeschränket.
Sein Künstler schilderte nichts als das Schöne;selbst das gemeine Schöne, das Schöne niedererGattungen, war nur sein zufälliger Vorwurf,seine Uebung, seine Erholung. Die Vollkom-menheit des Gegenstandes selbst mußte in seinemWerke entzücken: er war zu groß, von seinenBetrachtern zu verlangen, daß sie sich mit dembloßen kalten Vergnügen, welches aus der ge-troffenen Aehnlichkeit, aus der Erwägung seinerGcschicklichkeit entspringet, begnügen sollten; anseiner Kunst war ihm nichts lieber, dünkte ihmnichts edler, als der Endzweck der Kunst.
„Wer wird dich malen wollen, da dich nie-mand sehen will," sagt ein alter Epigramma-rist über einen höchst ungestalteten Menschen.Mancher neuere Künstler würde sagen: „Seyso »ngestalten, wie möglich; ich will dich dochmalen. Mag dich schon niemand gern sehen;so soll man doch mein Gemälde gern. sehen;nicht in so fern es dich vorstellt, sondern in sofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die einsolches Scheusal so ähnlich nachzubilden weis."
Freilich ist der Hang zu dieser üppigen Prah-lerey mir leidigtn Geschicklichkeiten, die durchden Werth ihrer Gegenstände nicht geadelt wer-den, zu natürlich, als daß nicht auch die Grie-chen ihren Pausen, ihren PyreicuH solltengehabt haben. Sie hatten sie; aber sie ließenihnen strenge Gerechtigkeit wiederfahren. Pau-son, der sich noch unter dem Schönen der ge-meinen Natur hielt, dessen niedriger Geschmackdas Fehlerhafte und Häßliche an der mensch-lichen Bildung am liebsten ausdrückte,*) lebtein der verächtlichsten Armuth. Und Purei-cuS, der Barbierstuben, schmutzige Werkstätte,Esel und Küchenkräuter, mit allein dem Fleißeeines niederländischen Künstlers malte, als obdergleichen Dinge in der Natur so viel Reizhätten und so selten zu erblicken wären, bekamden Zunamen des Rhyparographen, des Koth-malers; obgleich der wollüstige Reiche seineWerke mit Gold aufwog, um ihrer Nichtigkeitauch durch diesen eingebildeten Werth zu Hülfezu kommen.
Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerk-samkeit nicht für unwürdig, den Künstler mitGewalt in seiner wahren Sphäre zu erhalten.Das Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nach-ahmung ins Schönere befahl, und die Nach-ahmung ins Häßlichere bei Strafe verbot, istbekannt. Es war kein Gesetz wider den Stüm-per, wofür es gemeiniglich, und selbst vom I u -nius, gehalten wird. Es verdammte die grie-chischen Ghezzi: den unwürdigen Kunstgriff, die
*i Junge» Leuten, befiehlt roher Aristoteles, muß man seine Gemälde nicht zeigen, um ihre Einbildungskraftso viel möglich »on alle» Bildern des Häßlichen rein zu halten. lPolit. Vtll.g.l Herr Boden will zwar in dieserStelle anstatt Pauson, PausaniaS gelesen wissen, weil von diesem bekannt sey, daß er unzüchtige Figuren ge.malt bade. Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber lernen müßte, die Jugend von dergleichenReizungcn der Wollust z» entfernen. Er hätte die bekannte Stelle i» der Dichtkunst lE.ap. » > »ur in Berglcichungziehen dürfen, um seine Vermuthung zurück zu behalten. Es giebt Ausleger, welche den Unterschied, den Aristo-teles daselbst zwischen dem PolyguotuS, DionysiuS und Pauson angicbt, darin setzen, daß PolygnotusGötter und Helden, DionysiuS Menschen, und Pauson Thiere gemalt habe. Sie malten allcsamn» mcnschlichcLiguren; und daß Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, daß er ei» Thicrmalcr gewesen, wofürihn Herr Boden hält. Ihren Rang bestimmten die Grade des Schöne», die sie ihren menschlichen Figuren gaben,und DionysiuS konnte »ur deßwegen nicht» als Menschen male», und hieß »ur darum vor allen anderen derAnthropograph, weil er der Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis z»n> Ideal erheben konnte, unter welchemGötter und Helden zu malen, ein Religionsvcrbrechcn gewesen wäre