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Gotthold Ephraim Lessing.
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Hand, und blies den Figuren derselben mehrals gemeine Seelen ein, u. s w.«
Die Bemerkung, welche hier zum Grundeliege, daß der Schmerz sich,in dem Gesichte desLaokoon mit derjenigen Wuth nicht zeige, welcheman bei der Heftigkeit desselben vermuthen sollte,ist vollkommen richtig. Auch das ist unstreitig,daß eben hierin, wo ein Halbkenncr den Künst-ler unter der Natur geblieben zu seyn, daswahre Pathetische des Schmerzes nicht erreichtzu haben, urtheilen dürfte; daß, sage ich, ebenhierin die Weisheit desselben ganz besondershervorleuchtet.
Nur in dem Grunde, welchen Herr Win-kelmann dieser Weisheit giebt, in der Allge-meinheit der Regel, die er aus diesem Grundeherleitet, wage ich es, anderer Meinung zu seyn.
Ich bekenne, daß der mißbilligende Seiten-blick, welchen er auf den Virgil wirft, michzuerst stutzig gemacht hat; und nächstdem dieBergleichung mit dem Philoktet. Von hier willich ausgehen, und meine Gedanken in eben derOrdnung niederschreiben, in welcher sie sich beimir entwickelt.
„Laokoon leider, wie des Sophokles Phi-lvktet.« Wie leidet dieser? Es ist sonderbar,daß sein Leiden so verschiedene Eindrücke beiuns zurückgelassen, — Die Klagen, das Geschrey,die wilden Verwünschungen, mir welchen seinSchmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer,alle heilige Handlungen störte, erschollen nichtminder schrecklich durch das öde Eiland, und siewaren es, die ihn dahin verbannten. WelcheTöne des Unmuths, des Jammers, der Ver-zweiflung, von welchen auch der Dichter iy derNachahmung das Theater durchholten ließ! —Man hat den dritten Aufzug dieses Stücks un-gleich kürzer, als die übrigen gefunden. Hieraussieht man, sagen die Kunstrichter, daß es denAlten um die gleiche Länge der Aufzüge wenigzu thun gewesen. Das glaube ich auch; aberich wollte mich deßfalls lieber auf ein anderErempel gründen, als auf dieses. Die jammer-vollen Ausrufungen, das Winseln, die abge-brochenen „ach, ach, oh, weh, weh mir!« hieganzen Zeilen voller „o weh! o weh!« auswelchen dieser Aufzug besteht, und die mit ganzanderen Dehnungen und Absetzungen deklamirtwerden mußten, als bei einer zusammenhangen-den Rede nöthig sind, haben in der Vorstellungdiesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich eben solange dauern lassen, als die anderen. Er scheintdem Leser weit kürzer aus dem Papiere, als erden Zuhörern wird vorgekommen seyn.
Schreien ist der natürliche Ausdruck deskörperlichen Schmerzes. Homer's verwun-dete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zuBoden. Die geritzte Venus schreit laut; (Jlr-ade 5, 343) nicht, un, sie durch dieses Geschreials die weichliche Göttinn der Wollust zu schil-dern, vielmehr um der leidenden Natur ihrRecht zu geben. Denn selbst der eherne Mars,als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreyet sogräßlich, als schrieen zehn tausend wüthendeKrieger zugleich, daß beide Heere sich entsetzen.(Jliade 5, 859 ff.)
So weit auch Homer sonst seine Heldenüber die menschliche Natur erhebt, so treu blei-ben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl
der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es aufdie Aeußerungen dieses Gefühls durch Schreyen,oder durch Thränen, oder durch Scheltwort?ankömmt. Nach ihren Thaten sind es Geschöpfe5 höherer Art; nach ihren Empfindungen wahreMenschen.
Ich weis es, wir feineren Europäer einerklügern Nachwelt wissen über unsern Mundund über unsere Augen besser zu herrschen.10 Höflichkeit und Anstand verbieten Geschrey undThränen. Die thätige Tapferkeit des erstenrauhen Weltallers hat sich bei uns in eineleidende verwandelt. Doch selbst unsere Urälternwaren in dieser größer, als in jener. Aber15 unsere Urältern waren Barbaren. Alle Schmer-zen verbeißen, dem Streiche des Todes mit un-verwandtem Auge entgegen sehen, unter denBissen der Nattern lachend sterben, weder seineSünde, noch den Verlust seines liebsten Freun-20 des beweinen, sind Züge des alten NordischenHeldenmuths. Palnatoko gab seinen Joms-burgern das Gesetz, nichts zu fürchten, unddas Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen.
Nicht so der Grieche > Er fühlte und furchte25 sich; er äußerte seine Schmerzen und seinenKummer; er schämte sich keiner der mensch-lichen Schwachheiten; keine mußte ihn aber aufdem Wege nach Ehre und von Erfüllung seinerPflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren30 aus Wildheit und Verhärtung entsprang, daswirkten bei ihm Grundsätze. Bei ihm war derHeroismus wie die verborgenen Funken imKiesel, die ruhig schlafen, so lange keine äußereGewalt sie wecket, und dem Steine weder seine35 Klarheit, noch seine Kälte nehmen. Bei demBarbaren war der Heroismus eine helle fressendeFlamme, die immer tobte, und jede anderegute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstensschwärzte.— Wenn Homer die Trojaner mit40 wildem Geschrei, die Griechen hingegen in ent-schlossener Stille zur Schlacht führt, so merkendie Ausleger sehr wohl an, daß der Dichterhierdurch jene als Barbaren, diese als gesitteteVölker schildern wollen. Mich wundert, daß45 sie an einer andern Stelle eine ähnliche charak-teristische Entgegensetzung nicht bemerkt haben.(Jliade 7, 421.) Die feindlichen Heere habeneinen Wasfenstillestand getroffen ; sie sind mitVerbrennung ihrer Todten beschäftiget, welches50 auf beiden Theilen nicht ohne heiße Thränenabgehet. Aber Priamus verbietet seinen Tro-janern zu weinen. Er verbietet ihnen zu wei-nen, sagt die Datier, weil er besorgt sie möcki-ten sich zu sehr erweichen, und morgen mitSS weniger Muth an den Streit gehen. WMdoch frage ich: warum muß nur Priamus die-, ses besorgen? Warum ertheilt nicht a7ch Aa°-
De?S?nn'des nämliche Verbot?
Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will
00 ^ nur der gesittete Grieche zu-
""d tapfer seyn könne; indemTrojaner, um es zu seyn, alleMenschlichkeit vorher ersticken müsse. „Ich ta-»"E es mit nichte», daß man weint,«os laßt er an einem andern Orte lOdyssee 4,105. «>den verständigen Sohn des weisen Nestors sagen.
Es ist merkwürdig, daß unter den wenigenTrauerspielen, die aus dem Alterthume aus unsgekommen sind, sich zwey Stücke finden, in wel-