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Gotthold (Ephraim jsrssing
der Streit der Leidenschaften hätte sich nie ent-schieden, oder hätte wenigstens so lange ange-halten, bis Zeit und Ueberlegung die Wuthentkräften und den mütterlichen Empfindungenden Sieg versichern können. Auch hat dem 5Limomachus diese seine Weisheit große undhäufsige Lobsprüche zugezogen, und ihn weitüber einen andern unbekannten Maler erhoben,der unverständig genug gewesen war, die Medeain ihrer höchsten Raserey zu zeigen, und so 10diesem flüchtig überhingehenden Grade der äußer-sten Raserey eine Dauer zu geben, die alle Raturempöret. Der Dichter Phiiippus iAnthol. IV.
9. Ep. 10.), der ihn deßfalls tadelt, sagt dahersehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: 15„Durstest du denn beständig nach dem Blutedeiner Kinder? Ist denn immer ein neuerJason, immer eine neue Creusa da, die dichunaufhörlich, erbittern? " „Zum Henker mitdir auch im Gemählde!" setzt er voller Verdruß 20hinzu.
Von dem rasenden Ajax des Limomachusläßt sich aus der Nachricht des Philostraturtheilen. Ajax erschien nicht, wie er unterden Heerden wüthet, und Rinder und Böcke 25für Menschen fesselt und mordet. Sondern derMeister zeigte ihn, wie er nach diesen wahn-witzigen Heldenthaten ermattet da sitzt, undden Anschlag saßet, sich selbst umzubringen.
Und das ist wirklich ocr rasende Ajax; nicht 00weil er eben jetzt raset, sondern weil man siehet,daß er geraset hat; weil man die Größe seinerRaserey am lebhaftesten aus der verzweiflungs-vollen Scham abnimmt, die er nun selbst dar-über empfindet. Man siehet den Sturm in ,05den Trümmern und Leichen, die er an das Landgeworfen.
IV. Ich übersehe die angeführten Ursachen,warum der Meister des Laokoon in dem Aus-drucke des körperlichen Schmerzes Maaß halten 40müssen, und finde, daß sie allesammt von dereigenen Beschaffenheit der Kunst, und von der-selben nothwendigen Schranken und Bedürf-nissen hergenommen sind. Schwerlich dürstesich also wohl irgend eine derselben aus die 45Poesie anwenden lassen.
Ohne hier zu untersuchen, wie weit es demDichter gelingen kann, körperliche Schönheit zuschildern: so ist so viel unstreitig, daß, da dasganze unermeßliche Reich der Vollkommenheit 50seiner Nachahmung offen stehet, diese sichtbareHülle, unter welcher Vollkommenheit zu Schön-heit wird, nur eines von den geringsten Mittelnseyn kann, durch die er uns für seine Personenzu interessiren weis. Ost vernachlässiget er 55dieses Mittel gänzlich; versichert, daß, wennsein Held unsere Gewogenheit gewonnen, unsdessen edlere Eigenschaften entweder so beschäf-tigen, daß wir an die körperliche Gestalt garnicht denken, oder, wenn wir daran denken, 00uns so bestechen, daß wir ihm von selbst, wonicht eine schöne, doch eine gleichgültige erthei-len. Am wenigsten wird er bey jedem einzelnenZuge, der nicht ausdrücklich für das Gesichtbestimmt ist, seine Rücksicht dennoch auf diesen 05Sinn nehmen dürsten. Wenn Virgil's Lao-koon schreyet, wem fallt es dabey ein, daß eingroßes Maul zum Schreyen nöthig ist, unddaß dieses große Maul häßlich iLßr? Genug, daß
„grauenvolles Geschrey hoch auf zu den Sternenerhebt er" ein erhabner Zug für das Gehör ist,mag er doch für das Gesicht seyn, was er will.Wer hier ein schönes Bild verlangt, auf denhat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt.
Nichts nöthiget hiernächst den Dichter, seinGemählde in einem einzigen Augenblick zu con-centriren. Er nimmt jede seiner Handlungen,wenn er will, bey ihrem Ursprünge auf, undführet sie durch alle mögliche Abänderungen biszu ihrer Endschaft. Jede dieser Abänderungen,die dem Künstler ein ganzes besonderes Stückkosten würde, kostet ihm einen einzigen Zug;und würde dieser Zug, für sich betrachtet, dieEinbildung des Zuhörers beleidigen, so war erentweder durch das Vorhergehende so vorberei-tet, oder wird durch das Folgende so gemildertund vergütet, daß er seinen einzelnen Eindruckverlieret, und in der Verbindung die trefflichsteWirkung von der Welt thut. Wäre es alsoauch wirklich einem Manne unanständig, in derHeftigkeit des Schmerzes zu schreyen; was kanndiese kleine überhingehende Unanständigkeit dem-jenigen bey uns für Nachtheil bringen, dessenandere Lugenden uns schon für ihn eingenom-men haben? Virgil's Laokoon schreyet, aberdieser schreyende Laokoon ist eben derjenige, denwir bereits als den vorsichtigsten Patrioten, alsden wärmsten Vater kennen und lieben. Wirbeziehen sein Schreyen nicht auf seinen Cha-rakter, sondern lediglich auf sein unerträglichesLeiden. Dieses allein hören wir in seinemSchreyen; und der Dichter konnte es unsdurch dieses Schreyen allein sinnlich machen.
Wer tadelt ihn also noch? Wer muß nichtvielmehr bekennen: wenn der Künstler wohlthat, daß er den Laokoon nicht schreyen ließ,so that der Dichter eben so wohl, daß er ihnschreyen ließ?
Aber Virgil ist hier bloß ein erzeblenderDichter. Wird in seiner .Rechtfertigung auchder dramatische Dichter mit begriffen seyn?Einen andern Eindruck macht die Erzehlungvon Jemands Geschrey; einen andern diesesGeschrey selbst. Das Drama, welches für dielebendige Malerey des Schauspielers bestimmtist, dürfte vielleicht eben deswegen sich an dieGesetze der materiellen Malerey strenger haltenmüssen. In ihm glauben wir nicht bloß einenschreyenden Philoktet zu sehe» und zu hören;wir hören und sehen wirklich schreyen. Jenäher der Schauspieler der Natur kömmt, destoempfindlicher müssen unsere Augen und Ohrenbeleidiget werden; denn es ist unwidersprechlich,daß sie es in der Natur werden, wenn wir solaute und heftige Aeußerungen des Schmerzesvernehmen. Zudem ist der körperliche Schmerzüberhaupt des Mitleidens nicht fähig, welchesandere Uebel erwecken. Unsere Einbildung kannzu wenig in ihm unterscheiden, als daß diebloße Erblickung desselben etwas von einemgleichmäßigen Gefühl in uns hervorzubringenvermöchte Sophokles könnte daher leichtnicht einen bloß willkührlichcn, sondern in demWesen unserer Empfindungen selbst gegründetenAnstand übertreten haben, wenn er den Phi-loktet und Herkules so winseln und weinen, soschreyen und brüllen läßt. Die Umstehendenkönnen unmöglich so viel Antheil an ihrem