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Gotthold Ephraim
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Leiden nehmen, als diese ungemäßigcen Aus-brüche zu erfordern scheinen. Sie werden unsZuschauern vergleichungsweise kalt vorkommen,und dennoch können wir ihr Mitleiden nichtwohl anders, als wie das Maaß des unsrigcnbetrachten. Hierzu füge man, daß der Schau-spieler die Vorstellung des körperlichen Schmer-zes schwerlich oder gar nicht bis zur Illusiontreiben kann: und wer weis, ob die neuerendramatischen Dichter nicht eher zu loben, alszu tadeln sind, daß sie diese Klippe entwederganz und gar vermieden, oder doch nur miteinem leichten Kahne umfahren haben.
Wie manches würde in der Theorie unwider-sprechlich scheinen, wenn es dem Genie nichtgelungen wäre, das Widerspiel durch die Thatzu erweisen. Alle diese Betrachtungen sind nichtungegründet, und doch bleibet Philoktet einesvon den Meisterstücken der Bühne. Denn einTheil derselben trifft den Sophokles nichteigentlich, und nur indem er sich über den an-dern Theil hinwegsetzet, hat er Schönheiten er-reicht, von welchen dem furchtsamen Kunst-richter , ohne dieses Beyspiel, nie träumenwürde. Folgende Anmerkungen werden es nä-her zeigen.
1. Wie wunderbar hat der Dichter dieIdee des körperlichen Schmerzes zu verstärkenund zu erweitern gewußt! Er wählte eineWunde — ldenn auch die Umstände der Geschichtekann man betrachten, als ob sie von seinerWahl abgehangen hätten, in sofern er nämlichdie ganze Geschichte, eben dieser ihm vortheil-haften Umstände wegen, wählte) — er wählte,sage ich, eine Wunde und nicht eine innerlicheKrankheit; weil sich von jener eine lebhaftereVorstellung machen läßt, als von dieser, wennsie auch noch so schmerzlich ist. Die inneresympathetische Glut, welche den Meleager ver-zehrete, als ihn seine Mutter in dem fatalenBrande ihrer schwesterlichen Wuth aufopferte,würde daher weniger theatralisch seyn, als eineWunde. Und diese Wunde war ein göttlichesStrafgericht. Ein mehr als natürliches Gifttobte unaufhörlich darin, und nur ein stärkererAnfall von Schmerzen hatte seine gesetzte Zeitnach welchem jedesmal der Unglückliche in einenbetäubenden Schlaf verfiel, in welchem sich "ineerschöpfte Natur erhöhten mußte, den nämlichenWeg des Leidens wieder antreten zu können.Chareaubrun läßt ihn bloß von dem ver-gifteten Pfeile eines Trojaners verwundet seyn.Was kann man sich von einem so gewöhnlichenZufalle außerordentliches versprechen? Ihm war-tn den alten Kriegen ein jeder ausgesetzt; wiekam es, daß er nur bey dem Philoktet so schreck-liche Folgen hatte? Ein natürliches Gift, dasneun ganzer Jahre wirket, ohne zu todten, istnoch dazu weit unwahrscheinlicher, als alle dasfabelhafte Wunderbare, womit es der Griecheausgerüstet hat.
.. Sh groß und schrecklich er aber auchte körperliche,, Schmerzen seines Helden machte,,o suhtte er es doch sehr wohl, daß sie allein!"?^!^ichend wären, einen merklichen Grad. -Ntitieids zu erregen. Er verband sie daher
mit andern Uebeln, die gleichfalls, für sich be-trachtet, mcht besonders rühren konnten, dieaber durch diese Verbindung einen eben so me-
lancholischen Anstrich erhielten, als sie den kör-perlichen Schmerzen hinwiederum mittheilten.Diese Uebel waren völlige Beraubung der menschlichen Gesellschaft, Hunger und alle Unbequem-5 lichkeiten des Lebens, welchen man unter einemrauhen Himmel in jener Beraubung ausgesetztist- Man denke sich einen Menschen i» diesenUmständen, man gebe ihm aber Gesundheit,und Kräfte, und Industrie, und es ist ein No-10 binson Erusoe, der auf unser Mitleid wenigAnspruch macht, ob uns gleich sein Schicksalsonst gar nicht gleichgültig ist. Denn wir sindselten mit der menschlichen Gesellschaft so zu-frieden, daß uns die Ruhe, die wir außer der-15 selben genießen, nicht sehr reizend dünken sollte,besonders unter der Vorstellung, welche jedesIndividuum schmeichelt, daß es fremden Bey-standes nach und nach kann entbehren lernen.Auf der andern Seite gebe man einem Men-20 schen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit;aber man denke ihn zugleich von gefälligenFreunden umgeben, die ihn an nichts Mangelleiden lassen, die sein Uebel, so viel in ihre»Kräften stehet, erleichtern, gegen die er unver-25 hohlen klagen und jammern darf: unstreitigwerden wir Mitleid mit ihm haben, aber diesesMitleid dauert nicht in die Länge, endlich zuckenwir die Achsel, und verweisen ihn zur Geduld.Nur wenn beyde Fälle zusammen komme»,30 wenn der Einsame auch seines Körpers nichtmächtig ist, wenn dem Kranken eben so wenigjemand anders hilft, als er sich selbst helffenkann, und seine Klagen in der öden Luft ver-stiegen : alsdann sehen wir alles.Elend, was35 die menschliche Natur treffen kann, über denUnglücklichen zusammen schlagen, und jederflüchtige Gedanke, mit dem wir uns an sei-ner Stelle denken, erreget Schaudern undEntsetzen. Wir erblicken nichts als die Ver-40 zweiflung in ihrer schrecklichsten Gestalt voruns, und kein Mitleid ist stärker, keins zer-schmelzet mehr die ganze Seele, als das, wel-ches sich mit Vorstellung der Verzweiflungmischet. Von dieser Art ist das Mitleid, welches45 wir für den Philoktet empfinden, und in demAugenblicke am stärksten empfinden, wenn wirihn auch seines Bogens beraubt sehen, des ein-zigen, was ihm sein kümmerliches Leben erhaltenmußte. - O des Franzosen, der keinen Ver-50 stand, dieses zu überlegen, kein Herz, dieses zufühlen, gehabt hat! Oder, wann er es gehabthat, der klein genug war, dem armseligen Ge-schmacke seiner Nation alles dieses aufzuopfern '„ Eharcaubrun giebt dem Philoktet Gesellschaft.55 Er laßt eine Prinzessin Tochter zu ihm in diewüste Insel kommen. Und auch diese ist nichtallem, sondern hat ihre Hofmeisterin bey sichein Dmq, von dem ich nicht weis, ob es die. der Dichter nöthiger gebraucht
60 hat. Das ganze vortreffliche Spiel mit demBogen hat er weggelassen. Dafür läßt er schöneAugen spielen. Freilich würden Pfeil und Bo-gen der französischen Hcldcnjugend sehr lustigvorgekommen seyn. Nichts hingegen ist ernst-65 haster als der Zorn schöner Augen. DerGricchemartert uns mit der gräulichen Besorgung, derarme Philoktet werde ohne seinen Bogen aufder wüsten Insel bleiben und elendiglich um-kommen müsse» Der Franzose weis einen