183
184
Gottkold Ephraim Messing.
;um Untooschiedo jener allegorischen die poetischennennen möchte. Diese bedeuten die Sache selbst,jene nur etwas Aehnliches *).
XI. Luch der Graf Canlus scheinet zu ver-langen, daß der Dichter seine Wesen der Ein-bildung mit allegorischen Attributen ausschmü-cken solle"). Der Graf verstand sich besser aufdie Malerei), als auf die Poesie. Doch ich habein seinem Werke, in welchem er dieses Verlan-gen äusser!, Anlaß zu erheblichern Betrachtun-gen gefunden, wovon ich das Wesentlichste, zubesserer Erwägung, hier anmerke.
Der Künstler, ist des Grafen Absicht, sollsich mit dem größten malerischen Dichter, mitdem Homer, mit dieser zweiten Natur, näherbekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichennoch nie genutzten Stoff zu den trefflichstenSchilderepen die von dem Griechen behandelte
Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommener ihm die Ausführung gelingen müsse, je ge-nauer er sich an die kleinsten von dem Dichterbemerkten Umstände halten könne.
5 In diesem Vorschlage vermischt sich also dieoben getrennte doppelte Nachahmung. Der Mah-ler soll nicht allein das nachahmen, was derDichter nachgeahmet hat, sondern er soll esauch mit den nehmlichen Zügen nachahmen; er10 soll den Dichter nicht bloß als Erzähler, er sollihn als Dichter nutzen.
Diese zweite Art der Nachahmung aber, diefür den Dichter so verkleinerlich ist, warum istsie es nicht auch für den Künstler? Wenn vor15 dem Homer eine solche Folge von Gemählden,als der Graf Caylus aus ihm angiebt, vor-handen gewesen wäre, und wir wüßten, daßder Dichter aus diesen Gemählden sein Werk ge-
*1 Man mag in tcm Gemählde, welches Horaz von der Nothwendigkeit macht, und welches vielleicht dasan Attributen reichste Gemählde bey allen alten Dichtern ist iB. I. Ode 33, V. 17—20):
„Vor Dir beständig gehet der grause Zwang,
Der starke Valkennägcl und Keile trägtIn eherner Hand, auch ernster Klammer»
Nicht, und geschmolzenes Blei ermangelt."
man mag, sage ich, in diesem Gemählde die Nagel, die Klammern, das fließende Blei, für Mittel der Befestigungoder für Werkzeuge der Bestrafung annehmen, so gehören sie doch immer mehr zu den poetischen, als allegorischenAttributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr gehäuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten dcS Horaz.Sanadon sagt: „Ich wage zu behaupten, daß dieses Gemählde in seiner Ausführung des Einzelnen sich auf derLeinwand bester ausnehmcn würde, als in einer heroischen Ode. Ich kann dieses galgenmäßigc Geräthe von Nägeln,Keilen, Klammern und geschmolzenem Blei nicht leiden. Ich habe geglaubt, die Ilcbersctzung davon befreien zumüssen, indem ich die allgemeinen Gedanken an die Stelle der speziellen sehte. Schade, daß der Dichter dieser Ver-besserung bedurfte." Sanadon hatte ein feines und richtiges Gefühl; nur der Grund, womit er es bewähren will,ist nicht «er rechte, glicht weil die gebrauchten Attributa ein „galgenmäßigeS Geräthe" sind; denn es stand nur beyihm, die andere Auslegung anzunehmen, und daS Galgcngeräthe in die festesten Bindemittel der Baukunst zu »er-wandeln: sondern, weil alle Attributa eigentlich für das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alleBegriffe, die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch daS Gehör beybringen will, eine größereAnstrengung erfordern, und einer geringern Klarheit fähig sind.
"> Apollo übergicbt den gereinigte» und balfamirten Leichnam des Sarpedo» dem Tode und dem Schlafe, ihnnach seinem Vaterland- zu bringen. Made 1s, s8l—682.)
„ Den» ihn wegzutragen vertraut er den schnelle» Geleiten,,
Beiden, dem Tod und dem Schlaf, den Zwillingen."
Eaylus empfiehlt diese Erdichtung dem Mahler, fügt aber hinzu: „ES ist »»angenehm, daß Homer uns Nichtsüber die Attribute berichtet hat, die man zu seiner Zeit dem Schlafe gab; wir kennen, um diesen Gott charakteristischdarzustellen, nur seine Thätigkeit und wir bekränzen ihn mit Mohn. Die Ideen sind modern; die erste leistet zwareinen mässigen Dienst, kann aber im gegenwärtigen Falle nicht angewendet werden, ja es scheinen mir sogar dieBlumen nicht an ihrer Stelle, namentlich für eine Gestalt, die mit dem Tode in eine Gruppe vereinigt ist." Da»beißt von dem Homer eine von den kleine» Zicrrathcn »erlangen, die am meisten mit seiner großen Manier streiten.Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe hätte geben können, würde» ihn bey weitem nicht so vollkommencharaktcrisiret, bey weitem kein so lebhaftes Bild bey uns erregt habe», als der einzige Zug, durch den er ihn zumZwillingSbrudcr des Todes macht. Diesen Zug suche der Künstler auszudrüekcn, und er wird alle 'Attributa ent-behren können. Die alten Künstler haben auch wirklich den Tod und den Schlaf mit der Achnlichkcit unter sichvorgestellet, die wir an Zwillinge» so natürlich erwarten. 'Auf einer Kiste von Eedcrnholz in dem Tempel der Junozu Elis rührten sie beyde als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiß, der andere schwarz; jenerschlief, dieser schien zu schlafen; beyde mit übereinander geschlagenen Füßen. Denn so wollte ich die Worte dcS P a u-sanias (Eliac. 18) lieber übersetzen, al» mit krummen Füßen, oder wie es Gedoyn in seiner Sprache gegeben hat:>08 ploil, controlmtg. Was sollten die krummen Fnsc hier ausdrücken ? Ucbcreinandcr geschlagene Füße hingegen sinddie gewöhnliche Lage der Schlafenden, und der Schlaf beym Maffei liegt nicht anders. Die neuen'Artisten sind vondieser Achnlichkcit, welche Schlaf und Tod bey den Alten mit einander haben, gänzlich abgegangen, und der Gebrauchist allgemein worden, den Tod als ein Ekelet, höchsten» als ein mit Haut bekleidete» Ekelet vorzustellen. Vor alle»Dingen hätte Caylus dem Künstler also hier rathe» müssen, ob er in Vorstellung des Todes dem alten oder demneuen Gebrauche folgen solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erkläre», da er den Tod als eine Figur betrachtet,gegen die eine andere mit Blumen gekrönet, nicht wohl gruppiren möchte. Hat er aber hierbei) auch bedacht, wieunschicklich diese moderne Idee in einem homerischen Gemählde seyn dürfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht anstößig sey» können? Ich kann mich nicht bereden, daß da» kleine metallene Bild in der Hcrzogl.Gallcrie zu Florenz, welches ein liegendes Ekelet vorstellet, das mit dem einen 'Arme auf einem Aschenkrugc ruhet,eine wirkliche Antike sey. Den Tod überhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen sollen, weil ihn die 'Alten andersvorstellten. Selbst ihre Dichter haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.