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Gotthold Ephraim Lcssingj
cum so gelehrt seyn soll, als der Kenner ausseinen Büchern ist? daß ihm alle Scenen derGeschichte und der Fabel, die ein schönes Ge-mählde geben können, bekannt und geläufig seynsollen? Ich gebe es zu, daß die Künstler bessergethan hätten, wenn sie seit Raphaels Zei-len, anstatt des O vids, den Homer zu ihremHandbuche gemacht hätten. Aber da es nuneinmal nicht geschehen ist, so lasse man dasPublicum in seinem Gleise, und mache ihmsein Vergnügen nicht saurer, als ein Vergnü-gen zu stehen kommen muß, um das zu seyn,was es seyn soll.
Protogenes harte die Mutter des Aristo-teles gemahlt. Ich weiß nicht, wie viel ibmder Philosoph dafür bezahlte. Aber entwederanstatt der Bezahlung, oder noch über die Be-zahlung, ertheilte er ihm einen Rath, dermehr als die Bezahlung werth war. Denn ichkann mir nicht einbilden, daß sein Rath eine 20bloße Schmeichelei gewesen sey. Sondern vor-nehmlich. weil er das Bedürfniß der Kunst er-wog, allen verständlich zu seyn, rieth er ihm,die Thaten des Alexander zu mahlen; Thaten,von welchen damals alle Welt sprach, und vonwelchen er voraus sehen konnte, daß sie auchder Nachwelt unvergeßlich seyn würden DochProtogenes war nicht gesetzt genug, diesemRathe zu folgen; ein gewisser Ücbermuth derKunst, sagt Plinius (35, 36), eine gewisse 30Lüsternheit nach dem Sonderbaren und Unbe-kannten trieben ihn zu ganz andern Vorwür-fen. Er malte lieber die Geschichte eines Ja-lysus,*) einer Cydippe und dergleichen, vonwelchen man itzt auch nicht einmal mehr er- 35rathen kann, was sie vorgestellet haben.
XII. Homer bearbeitet eine doppelte Gat-tung von Wesen und Handlungen: sichtbareund unsichtbare. Diesen Unterschied kann dieMahlere» nicht angeben: bey ihr ist alles ficht- 40bar, und auf einerlei Art sichtbar.
- Wenn also der Graf Caylus die Gemähldeder unsichtbaren Handlungen in unzertrennterFolge mit den sichtbaren fortlaufen läßt; wenner in den Gemählden der vermischten Handlun- 45gen, an welchen sichtbare und unsichtbare We-sen Theil nehmen, nicht angiebt, und vielleichtnicht angeben kann, wie. die letzteren, welchenur wir, die wir das Gemählde betrachten, da-rin entdecken sollten, so anzubringen sind, daßdie Personen des Gemähldes sie nicht sehen, we-nigstens sie nicht nothwendig sehen zu müssen
scheinen können : so muß nothwendig sowohl dieganze Folge, als auch manches einzelne Stückdadurch äußerst verwirrt, unbegreiflich undwidersprechend werden.
5 Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buchein der Hand, noch endlich abzuhelfen DasSchlimmste dabey ist nur dieses, daß durch diemahlerische Aufhebung des Unterschiedes der sicht-baren und unsichtbaren Wesen, zugleich alle die10 charakteristischen Züge verloren gehen, durchwelche sich diese höhere Gattung über sene ge-ringere erhebet.
Z. E. Wenn endlich die über das Schicksalder Trojaner getheilten Götter unter sich selbsthandgemein werden: so gehet bei dem Dichter(Jliade 21, 403) dieser ganze Kamps unsichtbarvor, und diese Unsichtbarkeit erlaubet der Ein-bildungskraft, die Scene zu erweitern, und läßtihr freyes Spiel, sich die Personen der Götterund ihre Handlungen so groß, und über dasgemeine Menschliche so weit erhaben zu denken,als sie nur immer will. Die Mahlerey aber mußeine sichtbare Scene annehmen, deren verschie-dene nothwendige Theile der Maaßstab für die25 darauf handelnden Personen werden; ein Maaß-stab , den das Auge gleich darneben hat, unddessen Unproporlion gegen die höheren Wesendiese höheren Wesen, die bei dem Dichter großwaren, auf der Fläche des Künstlers ungeheuermacht.
Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfeden ersten Angriff waget, tritt zurück, undsaßet mit mächtiger Hand von dem Boden ei-nen schwarzen, rauhen, großen Stein auf, denvor alten Zeiten vereinigte Männerhände zumGrenzsteine hingewälzet hatten:
„Jene wich, und erhub mit verruchter Rechteden Feldstun,
.Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rau-hen und großen,
Den zur Grenze der Flur aufstclleten Män-ner der Vorzeit."
Um die Größe dieses Steins gehörig zu schätzen,erinnere man sich, daß Homer seine Heldennoch einmal so stark macht, als die stärkstenMänner seiner Zeit, jene aber von den Män-nern, wie sie Nestor in seiner Jugend gekannthatte, noch weit an Stärke übertreffen läßt.Nun frage ich, wenn Minerva einen Stein,50 den nicht Ein Mann, den Männer aus NestorsJugendjahren zum Grenzsteine ausgerichtet hat-ten, wenn Minerva einen solchen Stein gegen
*> Richard son nennet dieses Werk, trenn er die Regel erläutern will, daß in einen! Gemählde die Aufmerk-samkeit des Betrachters durch nichts, es möge auch noch sr vortrefflich seyn, von der Hauptfigur abgezogen werdenmüsse. „Protogenes," sagt er, hatte in seine,» berühmte» Gemählde IalysuS ein Rebhuhn mit angebracht, undes mit so vieler Kunst auSgcmablct, daß es zu leben schien, und von ganz Griechenland bewundert ward; weil esaber aller Augen, zum Nachtheil des Hauptwerkes, zu sehr an sich zog, so löschte er eö gänzlich wieder aus."Richards»» hat sich gcirrct. Dieses Rebhuhn war nicht in dem JalysuS, sondern in einem a»de » Gemählde de«Protogenes gewesen, welches der ruhende oder müßige Satyr hieß. Ich würde diesen Fehler, welcher aus einermißverstandenen Stelle des Pliniuz entsprungen ist, kaum anmerken, wenn ich ihn nicht auch bey!» MeursiuSfände. Dergleichen bey dem Herrn Winkclmann selbst. <Pon der Nachabm. der Gr. W. in der Mal. undBildh. S. öt>.) Strabo lBuch 111 ist der eigentliche Währmann dieses Histörchens mit dem Rcbbuhnc, und dieserunterscheidet den Jatysns und den an eine Säule sich lehnende» Satyr, auf welcher das Rebhuhn laß, ausdrücklich.Die Stelle deS P linius W.zg) haben Mcursius und Richardson und Winkelmann deßwegen falsch verstauden, weil sie nicht Acht gegeben, daß von zwey verschiedene» Gemäbldcn daselbst die Rede ist dem einen, dessentwegenDemetriuS die Stadt nicht überkam, weil e> den Ort nicht angreifen wollte, wo es stand; und dem andern, welche«Protogenes während dieser Belagerung mablte. Jenes war der JalysuS. und dieses der Satyr.