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Gotthold Ephraim Messing.
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d?» Mars schleidert, von welcher Statur solldie Göttinn seyn? Soll ihre Statur i>er Größedes Steines proportionirt seyn, so fällt dasWunderbare weg. Ei» Mensch, der dreimalgrößer ist als ich, muß natürlicher Weise aucheinen dreimal größer« Stein schlcider» können.Soll aber die Statur der Göttinn der Größedes Steins nicht angemessen seyn, so entsteheteine anschauliche Unwahrscheinlichkeit in demGemählde, deren Anstößigkeit durch die kalte Ue-berlegung, daß eine Göttinn übermenschlicheStärke haben müsse, nicht gehoben wird. Woich eine größere Wirkung sehe, will ich auchgrößere Werkzeuge wahrnehmen.
Und Mars, von diesem gewaltigen Steineniedergeworfen, bedeckte sieben Hufen. Unmög-lich kann der Mahler dem Gotte diese außeror-dentliche Größe geben. Giebt er sie ihm abernicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht derHomerische Mars, sondern ein gemeiner Krie-ger. *1
Longin sagt, es komme ihm öfters vor,
als habe Homer seine Menschen zu Götternerheben, und seine Götter zu Menschen herab-setzen wollen. Die Mahlerey vollführet diese Her-absetzung. In ihr verschwindet vollends alles,5 was bei dem Dichter die Götter noch über diegöttlichen Menschen setzet. Größe, Stärke,Schnelligkeit, wovon Homer noch immer einenhöheren, wunderbaren Grad für seine Götterin Vorrath hak, als er seinen vorzüglichsten10 Helden beileget,**! müssen in dem Gemählde ausdas gemeine Maaß der Menschheit Herabsinken,und Jupiter und Agamemnon, Apollo undAchilles, Ajax und Mars, werden vollkommeneinerley Wesen, die weiter an nichts, als an15 äußerlichen verabredeten Merkmalen zu kennensind.
Das Mittel, dessen sich die Mahlerey bedie-net, uns zu verstehen zu geben, daß in ihrenCompositionen dieses oder jenes als unsichtbar20 betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke,in welche sie es von der Seite ber mirhandeln-den Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet
») Diesen unsichtbaren Kampf der Götter hat QuintuS Calabcr in seinem zwölften Buche (V. 158—185)nachgeahmet, mit der nicht undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheint nehmlich, der Grammatikerhabe es unanständig gefunden, daß ein Gott mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er lässt also zwar auchdie Götter große Felsenstückc, die sie von dem Jda abreißen, gegen einander schleidern; aber diese Felsen zerschellenan den unsterblichen Gliedern der Götter, und stieben wie Sand um sie her:
„Sie aber Felsstcme abreiffend von dem Grunde des Jda, warfen sie auf einander i diese aber je»fielen leicht wie Sand, an den unaufhaltsamen Gliedern der Götter ohne Müh' zerbrechend."
Eine Künstelei!, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhöhet unsern Begriff von den Körpern der Götter, nurmacht die Waffen, welche sie gegen einander brauchen, lächerlich Wenn Götter einander mit Steinen werfen, somüssen diese Steine auch die Götter beschädigen können, oder wir glaube» mnthwillige Buben zu sehen, die sich mirErdklößen werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel, mit dem ihn der kalte Kunstrichtcr belegt, aller Wettstreit, in welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zn weiter nichts, als seineWeisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indeß will ich nicht leugnen, daß in der Nachahmung des Ouintus nichtauch sehr treffliche Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind eS Züge, die nicht sowohl der bescheidenenGröße des Homer geziemen, als dem stürmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen würden. Daß dasGeschrey der Götter, welches hoch bis in den Himmel und rief bis in den Abgrund ertönet, welches den Berg unddie Stadt und die Flotte erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünket mich eine sehr vielbcdeutcndc Wen-dung zu sey». DaS Geschrey war größer, als daß es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehöres fassen konnte»,
**) In Ansehung der Stärte und Schnelligkeit wird niemand, der den Homer auch nur ein einzigesmal fluchtigdurchlaufen hat, diese Asscrtio» in Abrede seyn. Nur dürfte er sich vielleicht der Erempcl nicht gleich erinnern, auswelchen es erhellet, daß der Dichter seinen Göttern auch eine körperliche Größe gegeben, die alle natürliche Maaßeweit übersteiget. Ich verweise ihn also, außer der angezogenen Stelle von dem zu Boden geworrenen Mars, dersieben Hufen bedecket, auf den Helm der Minerva („Golden und groß, Fußkämvfcr aus hundert estadten zu decken"Zliadc 5, 711), unter welchen sich so viel Sireiter, als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergenkönnen; aus die Schritte des Neptun»« (Jliadc 15, Il'-Äy:
„ Plötzlich stieg er herab von dein zackigen Felsengebirgc,
Wandelnd mit hurtigem Schritt; und es bebte» die Höh'il und die WälderWcit den unsterblichen Füsse» des wandelnden Poseibao».
Dreimal schwang er sich fort, und das viertcmal stand er am Ziele."vornehmlich aber auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva die Truppen der bela-gerten Stadt anführen (Jliade 18,. 5l6—519):
— „von Ares geführt und Pallas Athena:
Beide sie waren von Gold, und in goldene Kleider gehüllet.
Beide schon in den Waffen und groß, wie unsterbliche GötterWcit umher vorstrahlcnd; denn minder an Wuchs war die Hcerschaar."selbst Ausleger des Homer, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht allezeit dieser wunderbaren Statur seinervtter genugsam erinnert zu haben; welches aus den lindernden Erklärungen abzunehmen, die sie über den großen Helm^ Minerva geben zu müssen glauben. Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn*"un sieh tzic Homerischen Götter nur immer in der gewöhnlichen Große denkt, in welcher man sie, in Gesellschaftder Sterblichen, auf der Lcinewand zu sehen verwöhnet wird. Ist cS iiiecß schon nicht der Mahlerey vergönnet, sie indiesen übersteigenden Dimensionen darzustellen, so darf es doch die Bildhaucreh gewisscrmaaßcn thun; und ich bin^^)eugt, duß die alten Meister, so wie die Bildung der Götter überhaupt, also auch das Kolossalischc, das sieöfters ihren Statuen ertheilten, aus dem Homer entlehnet haben. Berschi dene Anmerkungen über vieseS KotoffaUschc insbesondere., und warum cS in der Bildhauern' von so großer, in der Mahleren aber von gar keiner WirkungUt, versparc ich auk einen andern Ort.