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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
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Gottbold Ephraim Lrssing.

Schauder zu verstehen ist, der uns bey Er-blickung vorsätzlicher Greuel, die mir Lust be-gangen werden, überfällt. Von diesem Schrei-ben hat mich Richard der Dritte mein gutesTheil empfinden lassen.

Aber dieses Schrecken ist so wenig eine vonden Absichten des Trauerspiels, dass es vielmehrdie alten Dichter auf alle Weise zu mindernsuchten, wenn ihre Personen irgend ein großesVerbrechen begehen mußten. Sie schoben öfterslieber die Schuld aus das Schicksal, machtendas Verbrechen lieber zu einem Verhängnisseeiner rächenden Gottheit, verwandelten lieberden freyen Menschen in eine Maschine: ehe sieuns bey der gräßlichen Idee wollten verweilenlassen, daß der Mensch von Natur einer solchenVerderbniß fähig sey.

Bey den Franzosen führt Crebillon denBeynahmen des Schrecklichen. Ich fürchte sehr.mehr von diesem Schrecken, welches in der Tra-gödie nicht seyn sollte, als von dem ächten,das der Philosoph zu dem Wesen der Tragödierechnet.

Und dieses — hätte man gar nicht Schreckennennen sollen. Das Wort, welches Aristote-les braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht,sagt er, soll die Tragödie erregen; nicht, Mit-leid und Schrecken. Es ist wahr, das Schrei-ben ist eine Gattung der Furcht; es ist eineplötzliche, überraschende Furcht. Aber eben die-ses Plötzliche, dieses Ueberraschende, welches die^dee desselben einschließt, zeiget deutlich, daßdie, von welchen sich hier die Einführung desWortes Schrecken, anstatt des Wortes Furcht,herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eineFurcht Aristoteles meine. Ich möchte diesesWeges sobald nicht wieder kommen; man er-laube mir also eine kleine Ausschweifung.

„Das Mitleid," sagt Aristoteles, „ver-langt einen, der unverdient leidet, und die Furchteinen unseres Gleichen. Der Bösewicht ist we-der dieses, noch jenes; folglich kann auch seinUnglück weder das erste noch das andere er-regen." (Dichtkunst, 13. Cap.s

Diese Furcht, sage ich, nennen die neuerenAusleger und Uebersetzcr Schrecken, und es ge-lingt ihnen, mit Hülfe dieses Worttauschcs, demPhilosophen die seltsamsten Händel von der Weltzu machen.

„Man hat sich," sagte Einer aus derMenge, „über die Erklärung des Schreckensnicht vereinigen können; und in der That ent-hält sie in jeder Betrachtung ein Glied zu viel,welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert undsie allzusehr einschränkt. Wenn Aristotelesdurch den Zusatz: unseres Gleichen, nur bloßdie Aehnlichkeit der Menschheit verstanden hat,weil nehmlich der Zuschauer und die handelndePerson beyde Menschen sind, gesetzt auch, daßsich unter ihrem Charakter, ihrer Würde undihrem Range ein unendlicher Abstand befände:so war dieser Zusatz überflüssig, denn er ver-stand sich von selbst. Wenn er aber die Mei-nung hatte, daß nur tugendhafte Personen,oder solche, die einen vorgeblichen Fehler ansich hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte

er Unrecht; denn die Vernunft und die Erfah-rung ist ihm sodann entgegen. Das Schreckenentspringt unstreitig aus einem Gefühle derMenschlichkeit-, den» jeder Mensch ist ihm un-5 terworsen, und jeder Mensch erschüttert sich,vermöge dieses Gefühls, bey dem widrigen Zu-falle eines andern Menschen. Es ist wohl mög-lich, daß irgend jemand einfallen könnte, diesesvon sich zu leugnen; allein dieses würde alle-10 mäl eine Verleugnung seiner natürlichen Em-pfindungen, und also eine bloße Prahlerey ausverderbten Grundsätzen, und kein Einwurf seyn.— Wenn nun auch einer lasterhaften Person,auf die wir eben unsere Aufmerksamkeit wen-15 den, »»vermuthet ein widriger Zufall zustößt,so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Ge-sichte, und sehen bloß den Menschen. Der An-blick des menschlichen Elendes überhaupt machtuns traurig, und die plötzliche traurige Em-20 pfindung, die wir sodann haben, ist das Schrei-ben."

Ganz recht; aber nur nicht an der rechtenStelle! Denn was sagt das wider den Ari-stoteles? Nichts. Aristoteles denket an dieses25 Schrecken nicht, wenn er von der Furcht redet,in die uns nur das Unglück unseres Gleichensetzen könne. Dieses Schrecken, welches uns heyder plötzlichen Erblickung eines Leidens befällt,das einem andern bevorstehet, ist ein mitleidiges30 Schrecken, und also schon unter dem Mitleidebegriffen. Aristoteles würde nicht sagen, Mit-leiden und Furcht, wenn er unter der Furchtweiter nichts, als eine bloße Modifikation desMitleids verstände.

55 „Das Mitleid," sagt der Vers. der Briefeüber die Empfindungen,'') „ist eine vermischteEmpfindung, die aus der Liebe zu einem Gegen-stände, und aus der Unlust über dessen Unglückzusammengesetzt ist. Die Bewegungen, durch40 welche sich das Mitleid zu erkennen giebt, sindvon den einfachen Symptomen de>r Liebe sowohl,als der Unlust, unterschieden; denn das Mitleidist eine Erscheinung. Aber wie vielerley kanndiese Erscheinung werden! Man ändere nur in45 dem belauerten Unglück die einzige Bestimmungder Zeit: so wird sich das Mitleid durch ganzandere Kennzeichen zu erkennen geben. Mitder Elektra, die über die Urne ihres Brudersweinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern;50 denn sie bält das Unglück für geschehen, undbejammert ihren gehabten Verlust. Was wirbey den Schmerzen des Philoktet fühlen, istgleichfalls Mitleiden, aber von einer etwas'an-dern Natur; denn die Quaal, die dieser Tuqend-55 hafte auszustehen hat, ist gegenwärtia und über-fällt ihn vor unsern Augen. Wenn "aber Oedipsich entsetzt, indem das große Geheimniß sichplötzlich entwickelt; wenn Monime erschrickt, alssie den eifersüchtigen Mithridates sich entfärben60 sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sichfürchtet, da sie ihren sonst zärtlichen Othelloso drohend mit ihr reden höret: was empfindenwir da? Immer noch Mitleiden! Aber mit-leidiges Entsetzen, mitleidige Furcht, mitleidiges65 Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden,allein das Wesen der Empfindungen ist in allen

y Philosophische Schriften des Herr» MoseS Mendelssohn, zweyter Theil, S. 1.