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Gottbold Ephraim Messing.
diesen Fällen einerley. Denn, da jede Liebe mitder Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an dieStelle des Geliebten zu setzen: so müssen wiralle Arten von Leiden mir der geliebten Persontheilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden 5nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht,Schrecken, Zorn, Eifersucht, Rachbegier, undüberhaupt alle Arten von unangenehmen Em-pfindungen, sogar den Neid nicht ausgenommen,aus Mitleiden entstehen können? — Man sieht 10hieraus, wie gar ungeschickt der größte Theilder Kunstrichter die tragischen Leidenschaften inSchrecken und Mitleiden eintheilet. Schreckenund Mitleiden! Ist denn das theatralischeSchrecken kein Mitleiden? Für wen erschrickt 15der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eigenenSohn den Dolch ziehet? Gewiß nicht für sich,sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung manso sehr wünschet, und für die betrogene Kö-niginn, die ihn für den Mörder ihres Sohnes 20anstehet. Wollen wir aber nur die Unlust überdas gegenwärtige Uebel eines Andern, Mitleidennennen: so müssen wir nicht nur das Schrei-ben , sondern alle übrige Leidenschaften, dieuns von einem Andern mitgetheilet werden, 25von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden." —
Diese Gedanken sind so richtig, so klar, soeinleuchtend, daß uns dünkt, ein Jeder hättesie haben können, und haben müssen. Gleich-wohl will ich die scharfsinnigen Bemerkungen 50des neuen Philosophen dem alten nicht unter-schieben ; ich kenne Jenes Verdienste um dieLehre von den vermischten Empfindungen zuwohl; die wahre Theorie derselben haben wirnur ihm zu danken. Aber was er so vorrreff- 35lich aus einander gesetzt hat, das kann dochAristoteles im Ganzen ungefähr empfundenhaben: wenigstens ist es unleugbar, daß Ari-stoteles entweder muß geglaubt haben, dieTragödie könne und solle nichts als das eigcnt- 40liche Mitleid, nichts als die Unlust über dasgegenwärtige Uebel eines Andern, erwecken, wel-ches ihm schwerlich zuzutrauen; oder er hatalle Leidenschaften überhaupt, die uns von einemAndern mitgetheilt werden, unter dem Worte 45Mitleid begriffen.
Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht,der die mir Recht getadelte Einkheilung dertragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrei-ben gemacht hat. Man hat ihn falsch verstau- 50den, falsch überseht. Er spricht von Mitleidund Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken;und seine Furcht ist durchaus nicht die Furcht,welche uns das bevorstehende Uebel eines An-dern, für diesen Andern, erweckt, sondern es 55ist die Furcht, welche aus unserer Aehnlichkeitmit der leidenden Person für uns selbst ent-springt; es jst die Furcht, daß die Unglücks-falle, die wir über diese verhängt sehen, unsselbst treffen können; es ist die Furcht, daß 60wir der bemitleidete Gegenstand selbst werdenkönnen. Mit Einem Worte: diese Furcht istdas auf uns selbst bezogene Mitleid.
Aristoteles will überall aus sich selbsterklärt werden. Wer uns einen neuen Kom- 65mentar über seine Dichtkunst liefern will, wel-cher den Dacierschen weit hinter sich läßt, demrathe ich, vor alle» Dingen die Werke desPhilosophen vom Anfange bis zum Ende zu
lesen. Er wird Aufschlüsse für die Dichtkunstfinden, wo er sich deren am wenigsten ver-muthet; besonders muß er die Bücher der Rhe-torik und Moral studiren. Man sollte zwardenken, diese Aufschlüsse müßten die Scholastiker,welche die Schriften des Aristoteles an denFingern wußten, längst gefunden haben. Dochdie Dichtkunst war gerade diejenige von seinenSchriften, um die sie sich am wenigsten beküm-merten. Dabey fehlten ihnen andere Kenntnisse,ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nichtfruchtbar werden konnten; sie kannten das The-ater und die Meisterstücke desselben nicht.
Die authentische Erklärung dieser Furcht,welche Aristoteles dem tragischen Mitleidbeyfüget, findet sich i» dem fünften und achtenKapitel des zweyten Buches seiner Rhetorik.Es war gar nicht schwer, sich dieser Kapitel zuerinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keinerseiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hatkeiner den Gebrauch davon gemacht, der sichdavon machen läßt. Denn auch die, welche ohnesie einsahen, daß diese Furcht nicht das mit-leidige Schrecken sey, hätten noch ein wichtigesStück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursachenehmlich, warum der Stagirit dem Mitleid hierdie Furcht, und warum nur die Furcht, warumkeine andere Leidenschaft, und warum nichtmehrere Leidenschaften, beygesellet habe. Vondieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchtewohl hören, was sie aus ihrem Kopfe ant-worten würden, wenn man sie fragte: warumz. E. die Tragödie nicht eben sowohl Mitleidund Bewunderung, als Mitleid und Furcht,erregen könne und dürfe?
Es beruhet aber alles auf dem Begriffe,den sich Aristoteles von dem Mitleiden ge-macht hat. Er glaubte nehmlich, daß das Uebel,welches der Gegenstand unseres Mitleidens wer-den solle, nothwendig von der Beschaffenkeitseyn müsse, daß wir es auch für uns selbst, oderfür eines von den Unscigen, zu befürchten hätten.Wo diese Furcht nicht sey, könne auch keinMitleiden Statt finden. Denn weder der, dendas Unglück so tief herabgcdrückt habe, daß erweiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch der,welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daßer gar nicht begreife, woher ihm ein Unglückzustoßen könne, weder der Verzweifelnde nochder Uebermüthige, pflege mit Anderen Mitleidzu haben. Er erkläret daher auch das Fürch-terliche und das Mitleidswürdigc, eines durchdas andere. Alles das, sagt er, ist uns fürch-terlich, was, wenn es einem Andern begegnetwäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid er-wecken würde: und alles das finden wir mit-lcidswürdig, was wir fürchten würden, wennes uns selbst bevorstünde. Nicht genug also,daß der Unglückliche, mit dem wir Mitleidenhaben sollen, sein Unglück nicht verdiene, ob eres sich schon durch irgend eine Schwachheit zu-gezogen : seine gequälte Unschuld, oder vielmehrseine zu hart heimgesuchte Schuld, sey für unsverlohrcn, sey nicht vermögend, unser Mitleidzu erregen, wenn wir keine Möglichkeit sähen,daß uns sein Leiden auch treffen könne. DieseMöglichkeit aber finde sich alsdenn, und könnezu einer großen Wahrscheinlichkeit erwachsen,wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache.