Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
279-280
JPEG-Download
 

279

Gvttbold Ephraim Messing.

280

Christen und Juden und Türken von jeher un-ter einander verhalten haben. Nicht als blosseMenschen gegen blosse Menschen, sondern alssolche Menschen gegen solche Menschen, diesich einen gewissen geistigen Vor-ug streitigmachen, und darauf Rechte gründen, diedem natürlichen Menschen nimmermehr ein-fallen könnten.

Ernst. Das ist sehr traurig: aber leiderdoch sehr vermuthlich.

Falk. Nur vermuthlich?

Ernst. Denn allenfalls dächte ich doch, sowie du angenommen hast, daß alle Staateneinerlct) Verfassung hätten, daß sie auch wohlalle einerley Religion haben könnten. Ja, ichbegreifst nicht, wie einerley StaatSverfassungohne einerley Religion auch nur möglich ist.

Falk. Ich eben so wenig. — Auch »ahmich jenes nur an, um deine Ausflucht abzu-schneiden. Eines ist zuverlässig eben so un-möglich, als das andere. Ein Staat: mehrereStaaten. Mehrere Staaten: mehrere Staats-verfassungen. Mehrere Staatsverfassungen :mehrere Religionen.

Ernst. Ja, ja: so scheinet es.

Falk. So ist es. — Run siehe da daszweyte Unheil, welches die bürgerliche Gesell-schaft, ganz ihrer Absicht entgegen, verursacht.Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohnesie zu trennen; nicht trennen, ohne Klüfte zwi-schen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemaucrndurch sie hin zu ziehen.

Ernst. Und wie schrecklich diese Klüftesind! wie unübersteiglich oft diese Scheide-mauern !

Falk. Laß mich noch das dritte hinzu-fügen. — Sticht genug, daß die bürgerlicheGesellschaft die Menschen in verschiedene Völkerund Religionen theilet und trennet. — DieseTrennung in wenige große Theile, deren jederfür sich ein Ganzes wäre, wäre doch immernoch besser, als gar kein Ganzes. — Stein; diebürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auchin jedem dieser Theile gleichsam bis in's Un-endliche fort.

Ernst. Wie so?

Falk. Oder meinest du, daß ein Staat sichohne Verschiedenheit von Ständen denken läßt?Er sey, gut oder schlecht, der Vollkommenheitmehr oder weniger nahe: unmöglich könnenalle Glieder desselben unter sich das nehmlicheVerhältniß haben. — Wenn sie auch alle ander Gesetzgebung Antheil haben: so können siedoch nicht gleichen Antheil haben; wenigstensnicht gleich unmittelbaren Antheil. Es wird alsovornehmere und geringere Glieder geben. —Wenn Anfangs auch alle Besitzungen des Staa-tes unter sie gleich vertheilet worden: so kanndiese gleiche Vertheilung doch keine zwey Men-schenaltcr bestehen. Einer wird sein Eigenthumbesser zu nutzen wissen, als der andere. Einerwird sein schlechter genutztes Eigenthum gleich-wohl unter mehrere Nachkommen zu vertheilenhaben, als der andere. Es wird also reichereund ärmere Glieder geben.

Ernst. Das versteht sich.

Falk. Run überlege, wie viel Uebel es inder Welt wohl giebt, das in dieser Verschieden-heit der Stände seinen Grund nicht hat.

Ernst. Wenn ich dir doch widersprechenkönnte! - Aber was hatte ich für Ursache, dirüberhaupt zu widersprechen? — Nun ja, dieMenschen sind nur durch Trennung zu ver-einigen I nur durch unaufhörliche Trennung inVereinigung zu erhalten! Das ist nun einmalso. Das kann nun nicht anders seyn.

Falk. Das sage ich eben!

Ernst- Also, was willst du damit? Mirdas bürgerliche Leben dadurch verleiden? Michwünschen machen, daß den Menschen der Ge-danke, sich in Staaten zu vereinigen, nie mögegekommen seyn?

Falk. Verkennst du mich so weit? —Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur dasGute hätte, daß allein in ihr die menschlicheVernunft angebauet werden kann: ich würdesie auch bey weit größern Uebeln noch segnen.

Ernst. Wer des Feuers genießen will, sagtdas Sprichwort, muß sich den Rauch gefallenlassen.

Falk. Allerdings! — Aber weil der Rauchbey dem Feuer unvermeidlich ist: durfte mandarum keinen Rauchfang erfinden? Und derden Rauchfang erfand, war der darum ein Feinddes Feuers? — Sieh, dahin wollte ich-

Ernst. Wohin? — Ich verstehe dich nicht.

Falk. Das Gleichniß war doch sehr pas-send. - Wenn die Menschen nicht anders inStaaten vereiniget werden konnten, als durchjene Trennungen: werden sie darum gut, jeneTrennungen?

Ernst. Das wohl nicht.

Falk. Werden sie darum heilig, jene Tren-nungen ?

Ernst. Wie heilig?

Falk. Daß es verboten seyn sollte, Handan sie zu legen?

Ernst. In Absicht?...

Falk. In Absicht, sie nicht größer ent-reißen zu lassen, als die Nothwendigkeit erfor-dert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlichzu machen, als möglich.

Ernst. Wie könnte das verboten seyn?

Falk. Aber geboten kann es doch auchnicht seyn; durch bürgerliche Gesetze nicht ge-boten ! - Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sichnie über die Grenzen ihres Staats. Und die-ses würde nun gerade außer den Grenzen allerund jeder Staaten liegen. — Folglich kann esnur ein Opus supviervh-atuiu seyn: und eswäre blos zu wünschen, daß sich die Weisestenund Besten eines jeden Staates diesem Operisuporeru^-ltu freywillig unterzögen.

E r n st. Blos zu wünschen; aber recht sehrzu wünschen-

Falk. Ich dächte! Recht sehr zu wün-schen, daß es in jedem Staate Männer gebenmöchte, die über die Voruriheile der Völker-schaft hinweg wären, und genau wüßten, woPatriotismus, Lugend zu sey» aufhört.

E r n st. Recht sehr zu wünschen!

Falk. Recht sehr zu wünschen, daß es injedem Staate Männer geben möchte, die demVorurrheile ihrer angebohrnen Religion nichtunterlägen; nicht glaubten, daß alles noth-wendig gut und wahr seyn müsse, was sie fürgut und wahr erkennen.

Ernst. Recht sehr zu wünschen!

5

10

15

2 «

25

30

35

40

45

5 »

55

<i<>

«5