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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
277-278
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277

Gotthold Ephraim Messing.

27ft

Ernst. Dieses hat denn auch wohl ge-macht, daß einige die bürgerliche Gesellschaftfür Zweck der Natur gehalten. Weil alles,unsere Leidenschaften und unsere Bedürfnisse,alles darauf führe, sey sie folglich das Letzte,worauf die Natur gehe. So schloffen sie. Alsob die Natur nicht auch die Mittel zweckmäßighervorbringen müssen! Als ob die Natur mehrdie Glückseligkeit eines abgezogenen Begriffs —wie Staat, Vaterland und dergleichen sind —als die Glückseligkeit jedes wirklichen einzelnenWesens zur Absicht gehabt hätte!

Falk. Sehr gut! Du kommst mir aufdem rechten Wege entgegen- Denn nun sagemir: wenn die Staatsverfaffungen Mittel, Mit-tel menschlicher Erfindungen sind: sollten sieallein von dem Schicksale menschlicher Mittelausgenommen seyn?

Ernst. Was nennst du Schicksale mensch-licher Mittel?

Falk. Das, was unzertrennlich mit mensch-lichen Mitteln verbunden ist; was sie von gött-lichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.

Ernst. Was ist das?

Falk. Daß sie nicht unfehlbar sind; daßsie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht ent-sprechen, sondern auch wohl gerade das Gegen-theil davon bewirken.

Ernst. Ein Beyspiel! wenn dir eineseinfällt.

Falk. So sind Schifffahrt und SchiffeMittel, in entlegene Länder zu kommen; undwerden Ursache, daß viele Menschen nimmer-mehr dahin gelangen.

Ernst. Die nehmlich Schiffbruch leidenund ersaufen. Run glaube ich, dich zu ver-stehen. — Aber man weiß ja wohl, woher eskömmt, wenn so viel einzelne Menschen durchdie Staatsverfaffung an ihrer Glückseligkeit nichtsgewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele;eine ist also besser als die andere; manche istsehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht offenbar strei-tend ; und die beste soll vielleicht noch erfundenwerden.

Falk. Das ungerechnet! Setze die besteStaatsverfaffung, die sich nur denken läßt,schon erfunden; setze, daß alle Menschen in derganzen Welt diese beste Staatsverfaffung an-genommen haben: meinst du nicht, daß auchdann noch, selbst aus dieser besten «staarsver-fassunq, Dinge entspringen müssen, welche dermen schlichen Glückseligkeit höchst nachtheilig sind,und wovon der Mensch in dem «Stande derNatur schlechterdings nichts gewußt hätte?

Ernst. Ich meine: wenn dergleichen Dmgeaus der besten Staatsverfaffung entsprängen,daß es sodann die beste Staatsverfaffung nichtwäre.

Falk. Und eine bessere möglich wäre? —Nun, so nehme ich diese bessere als die bestean, und frage das Nehmliche.

Ernst. Du scheinest mir hier blos vonvorne herein aus dem angenommenen Begriffezu vernünfteln, daß jedes Mittel menschlicherErfindung, wofür du die Staatsverfaffungensammt und sonders erklärest,-nicht anders alsmangelhaft seyn könne-

Falk. Nicht blos.

Ernst. Und es würde dir schwer werden,

eines von jenen nachtheiligen Dingen zu nen-nen —

Falk. Die auch aus der besten Staats-verfaffung nothwendig entspringen müssen? —5 O zehne für eines.

Ernst. Nur eines erst.

Falk. Wir nehmen also die beste Staats-verfassung für erfunden an; wir nehmen an,daß alle Menschen in der Welt in dieser besten1l> Staatsverfaffung leben: würden deßwegen alleMenschen in der Welt nur Einen Staat aus-machen ?

Ernst. Wohl schwerlich. Ein so unge-heuerer Staat würde keiner Verwaltung fähig15 sevn. Er müßte sich also in mehrere kleineStaaten vertheilen, die alle nach den nehm-lichen Gesetzen vermalter würden.

Falk. Das ist: die Menschen würden auchdann noch Deutsche und Franzosen, Holländer2« und Spanier, Russen und Schweden seyn; oderwie sie sonst heiße» würden.

Ernst. Ganz gewiß!

Falk. Run da haben wir ja schon Eines.Denn nicht wahr, jeder dieser kleinern Staaten25 hätte sein eigenes Interesse? und jedes Gliedderselben hätte das Interesse seines Staats?

Ernst. Wie anders?

Falk. Diese verschiedene Interessen würdenöfters in Kollision kommen, so wie itzt: und30 zwey Glieder aus zwey verschiedenen Staatenwürden einander eben so wenig mit unbefan-genem Gemüthe begegnen können, als itzt einDeutscher einem Franzosen, ein Franzose einemEngländer begegnet.

35 Ernst. -Sehr wahrscheinlich.

Falk. Das ist: wenn itzt ein Deutschereinem Franzosen, ein Franzose einem Englän-der, oder umgekehrt, begegnet, so begegnet nichtmehr ein blosser Mensch einem blossen Mcn-4» sche», die vermöge ihrer gleichen Natur gegeneinander angezogen werden, sondern ein sol-ch er Mensch begegnet einem solchen Menschen,die ihrer verschiedenen Tendenz sich bewußt sind,welches sie gegen einander kalt, zurückhaltend,45 mißtrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelnePerson das geringste mir einander zu schaffenund zu theilen haben.

Ernst. Das ist leider wahr.

Falk. Nun, so ist es denn auch wahr, .daß50 das Mittel, welches die Menschen vereiniget/umsie durch diese Vereinigung ihres Glückes zuversichern, die Menschen zugleich trennet.

Ernst. Wenn du es so verstehest.

Falk. Tritt einen Schritt weiter. Viele55 von den kleineren Staaten würden ein ganzverschiedenes Klima, folglich ganz verschiedeneBedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganzverschiedene Gewohnheiten und Sitten, folg-lich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich60 ganz verschiedene Religionen haben. Meinstdu nicht?

ist ein gewaltiger Schritt!

Falk. Die Menschen würden auch dannnoch Juden und Christen und Türken und der-65 gleichen sey».

Ernst. Ich getraue mir nicht, Rein zu sagen.

Falk. Würden sie das, so würden sie auch,sie möchten heißen, wie sie wollten, sich untereinander icht anders verhalten, als sich unsere