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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
301-302
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Moses Mendelssohn.

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Selbstmord schlechterdings in allen möglichenUmständen unerlaubt sey. Wir wissen, es giebtLeute, für welche es besser wäre, gestorben zuseyn, als zu leben. Run dürfte es dich be-fremden, daß die Heiligkeit der Sitten auch vondiesen Unglücklichen fordern sollte, sich nichtselbst wohl zu thu», sondern eine andere wohl-thätige Hand abzuwarten. — Das mag eineStimme vom Jupiter erklären! antwortete Ce-bes lächelnd.

Und gleichwohl ist es so schwer nicht, dieseanscheinende Ungereimtheit durch Gründe zutilgen. Was man in den Geheimnissen zu sa-gen pflegt, daß wir Menschen hieniedenwie die Schild wachen ausgestellet wä-ren, und also unsere Posten nicht ver-lassen dürften, bis wir abgelöset wür-den, ist zwar nicht ohne Grund, dürfte aberso leicht nicht begriffen werden. Allein ich habeeinige Vernunftgründe, die nicht schwer zufassen sind. Ich glaube als ausgemacht vor-aussetzen zu können, die Götter ilaßt mich jetztsagen Gott, denn wen habe ich zu scheuen?)Gott ist unser Eigenthumsherr, wirsind sein Eigenthum, und seine Vor-sehung besorgt unser Bestes. Sind dieseSätze nicht deutlich?

Sehr deutlich, sprach Cebes.

Ein Leibeigner, der unter der Vorsorgeeines gütigen Herrn stehet, handelt sträflich,wenn er sich den Absichten desselben widersetzt.Nicht?

Allerdings!

Vielmehr, wenn ein Funken von Recht-schaffenheit in seinem Busen glimmet, muß esihm eine wahre Freude seyn, die Wünsche sei-nes Gebieters durch sich erfüllet zu sehen, undum so vielmehr, wenn er von der Gesinnungseines Herrn überzeugt ist, daß sein eigenesBestes an diesen Wünschen Theil nimmt.

Unvergleichlich! mein Sokrates!

Aber wie? Cebes! als der unerschaffne Werk-meister den künstlichen Bau des menschlichenLeibes gewirkt, und ein vernünftiges Wesenhineingesctzt, hatte er da böse oder gute Ab-sichten ?

Ohne Zweifel gute.

Denn er müßte sein Wesen, die selbständigeGüte, verleugnen, wenn er mit seinem Thunund Lassen böse Absichten verknüpfen könnte;und was ist ein Gott, der sein Wesen ver-leugnen kann?

Ein Unding, Sokrates! ein fabelhafter' Gott,dem das leichtgläubige Volk wandelbare Gestal-ten andichtet- Ich erinnere mich der Gründegar wohl, mit welchen du bey einer andernGelegenheit diesen lästerlichen Irrthum be-stricken.

Derselbe Gott, Cebes! der den Leib gebauct,hat ihn auch mit Kräften ausgerüstet, die ihnstärken, erhalten, und vor allzufrühem Unter-gänge bewahren. Wollen wir auch diesen Er-haltungskräften höchst gütige Absichten zumZiele setzen?

Wie könnten wir anders?

Als treugesinnten Leibeigenen also muß esuns eine heilige Pflicht seyn, die Absichten un-sers Eigenlhumsherrn zu ihrer Reife gedeihenzu lassen, sie nicht gewaltsamer Weise in ihrem

Lauste zu hemmen; sondern vielmehr alle unserefreywilligen Handlungen mit denselben auf dasvollkommenste übereinstimmen zu lassen.

Darum habe ich gesagt, mein lieber Cebes!5 daß die Weltweisheik die vortreflichste Musiksey: denn sie lehret uns, unsere Gedanken undH^^mssbn ^ einzurichten, daß sie, so viel unsmöglich ist, mit den Absichten des allerhöchstenEigenthumsherrn vollkommen übereinstimmen.ll> Ist nun die Musik eine Wissenschaft, dasSchwache mit dem Starken,, das Rauhe mitdem Sanften , und das Unangenehme mit demAngenehmen in eine Harmonie zu bringen: sokann gewiß keine Musik herrlicher und vortref-15 licher sein, als die Weltweisheit, die uns lehretnicht nur unsere Gedanken und Handlungen un-ter sich, sondern auch die Handlungen des End-lichen mit den Absichten des Unendlichen, unddie Gedanken des Erdbewohners mit den Ge-20 danken des Allwissenden in eine große undwundervolle Harmonie zu stimmen. - O Cebes!und der verwegene Sterbliche sollte sich erdrei-sten, diese entzückende Harmonie zu zerstören?

Er würde den Abscheu der Götter und Men-25 schen verdienen, mein lieber Sokrates!

Sage mir aber auch dieses, mein Trauter!Sind die Kräfte der Natur nicht Diener derGottheit, die ihre Befehle vollstrecken?

Allerdings!

30 Sie sind also auch Wahrsager, die uns denWillen und die Absichten der Gottheit weitrichtiger verkündigen, als die Eingeweide derSchlachtopfer; denn das ist unstreitig ein Rath-schluß des Allerhöchsten, wohin die von ihm er-35 schaffene Kräfte abzielen. Nicht?

Wer kann dieses leugnen?

So lange uns also diese Wahrsager andeu-ten, daß die Erhaltung unsers Lebens zu denAbsichten Gottes gehöre, sind wir verpflichtet,40 unsere freyen Handlungen denselben gemäß ein-zurichten, und haben weder Fug noch Recht,den Erhaltungskräften unserer Natur Gewaltentgegen zu setzen, und die Diener der oberstenWeisheit in ihrer Verrichtung zu stören. Diese45 Schuldigkeit liegt uns so lange ob, bis Gottuns durch eben dieselben Wahrsager den aus-drücklichen Befehl zuschickt, dieses Leben zu ver-lassen, so wie er ihn heute mir zugeschickt hat.

Ich bin völlig überzeugt, sprach Cebes.50 Allein nunmehr begreifst ich um so viel weni-ger, mein lieber Sokrates I wie du vorhin hastsagen können, ein jeder Weltweiser müsse einemSterbenden gerne folgen wollen- Istwahr, was du itzt behauptest, daß wir ein55 Eigenthum Gottes sind, und daß derselbe unserBestes besorge: so scheinet jener Satz ungereimt-Wie? soll ein vernünftiger Mensch sich nichtbetrüben, wenn er die Dienste eines Obcrherrnverlassen muß, der sei» bester und gütigster Vcr-60 sorger -st? Und wenn er auch hoffen könnte,durch den Tod frey, und sein eigener Herr zuwerden: wie rann der unverständige Mündelsich schmeicheln, unter seiner eigenen Anführungbesser zu stehen, als unter der Anführung des65 allerweiscsten Vormundes? Ich sollte meyne»,^ ein groser Unverstand, wenn

durchaus in Freyheit setzen, und auchden besten Ohcrherrn nicht über sich leiden will.Wer Vernunft besitzet, wird sich allezeit mit