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Moses Mendelssohn.
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er heute sterben müsse. Nicht lange hernachkam er, uns zu rufen. Als wir hinein gierigen,fanden wir den so eben losgebundenen Sokratesauf dem Bette liegend. Zkantippe, du kennestsie, saß neben ihm in stiller Betrübniß, undhielt ihr Kind auf dem Schosse. Als sie unserblickte, steig sie an, nach Weiberart, überlautzu jammern. Ach! Sokrates! dich sehenheute deine. Freunde, und du sie zumletztenmale! und ein Strom von Thränenfolgte auf diese Worte. Sokrates wandte sichzum Krito, und sprach: Freund! laß sie nachHause bringen. —
Kritons Bedienten führten sie hinweg: siegieng und heulete, und zerschlug sich jämmerlichdie Brust. Wir standen wie betäubt. Endlichrichtete sich Sokrates im Bette auf, krümmetedas Bein, das vorhin gefesselt war, und indemer dasselbe mit der Hand rieb, sprach er: Omeine Freunde! welch ein seltsames Ding schei-net das zu seyn, was die Menschen angenehmnennen! wie wunderbar! Dem ersten Anblickenach ist es dem Unangenehmen entgegen gesetzt,indem keine Sache dem Menschen zu gleicherZeit angenehm und unangenehm seyn kann;und dennoch kann niemand eine von diesen Em-pfindungen durch die Sinne erlangen, ohne un-mittelbar darauf die entgegengesetzte zu fühlen,als wenn sie an beiden Enden an einander be-festiget wären. Hätte Aesopus dieses bemerkt,fuhr er fort, so hätte er vielleicht folgende Fabelerdichtet. „Die Götter wollten die streitenden„ Empfindungen' mit einander vereinigen: als„aber dieses sich nicht thun ließ, knüpften sie„ dieselben an beiden Enden zusammen, und seit„der Zeit folgen sie sich einander beständig auf„dem Fuße nach." So ergehet es mir auchitzt. Die Fessel hatten mir Schmerzen verur-sachet, und itzt, da sie hinweg sind, folget die an-genehme Empfindung nach
Beym Jupiter! ergriff Cebes das Wort,gut, daß du mich erinnerst, Sokrates! Dusollst, wie man sagt, hier im Gefängnisse einigeGedichte verfertiget, nehmlich Aesopische Fabelnpoetisch ausgeführet, und eine Hymne an denApollo aufgesczet haben. Run fragen michviele, und vornehmlich der Dichter Evenus,was dich hier auf den Gedanken gebracht, Ge-dichte zu verfertigen, da du doch solches vorherniemals gethan? Soll ich dem Evenus Bescheidgeben, wenn er mich wieder fragt: lund fragenwird er gewiß) so sage mir, was ich ihm ant-worten soll.
Sage ihm, o Cebes! erwiederte Sokrates,nichts als die Wahrheit: daß ich diese Gedichtekeinesweges in der Absicht verfertiget, ihm inder Dichtkunst den Rang abzulauffen; denn ichweiß, wie schwer dieses ist: sondern blos umeines Traumes willen, dem ich mir vorgenom-men in allen möglichen Bedeutungen nachzu-leben, und daher auch in dieser Art von Musik,in der Dichtkunst, meine Kräfte zu versuchen.Die Sache verhält sich aber folgender Gestalt.Ich hatte in vergangenen Zeiten sehr oft einenTraum, der nur unter vielcrlcy Gestalte» er-schien , aber immer eben denselben Befehl gab:Sokrates! befleisse dich dcrMusik undübe sie aus! Bisher hielt ich diese Ermah-nung blos für eine Aufmunterung und Anfri-
schung, wie man sie den Wettläuffern nachzu-rufen pflegt. Der Traum, dachte ich, will mirnichts neues zu thun befehlen; denn die Welt-weisheit ist ja die vortreflichste Musik, und die-ser habe ich mich stets beflissen; er will alsoblos meinen Eifer, meine Liebe zur Weisheitanfeuern, damit sie nicht erkalte. Nunmehraber, nachdem das Urtheil über mich gesprochenworden, und das Fest des Apollo meinen Todeine Zeitlang aufgeschoben, kam mir der Gedankeein, ob man mir nicht vielleicht der gemeinenMusik obzuliegen befohlen, und ich hatte Mußegenug, diesen Gedanken nicht fruchtlos ver-schwinden zu lassen. Ich machte den Anfangmit einem Lobgesange auf den Gott, dessen Festdamals gefeyert ward. Allein mir siel nachherbey, daß, wer Poet seyn will, Erdichtungen,aber nicht Vernunftsäze behandeln müsse; daßaber ein Lobgesang keine Erdichtungen enthielte.Da ich nun selbst keine Gabe zu dichten besitze,so bediente ich mich anderer Leute Erfindungen,und brachte einige Fabeln des Aesops, die mirzuerst vor die Hand kamen, in Verse. — Die-ses kannst du, mein Cebes! dem Evenus ant-worten. Entbiete ihm auch meinen Gruß, undwenn er weise ist, so mag er mir bald folgen.Ich werde, allem Ansehen nach, auf Befehl derAthenienser noch heute abreisen.
Und dieß wünschest du dem Evenus? fragteSimmias. Ich kenne diesen Mann sehr gut,und so viel ich von ihm urtheilen kann, dürfteer dir für diesen Wunsch schlechten Dank wissen-— Wie? versetzte jener, ist denn Evenus keinWeltweiscr? Mich dünkt, ja, sprach Sim-mias. — Run so wird er mir gewiß gerne fol-gen, erwiederte Sokrates, er, und jedermann,der diesen Namen verdienet. Er wird zwarnicht selbst Hand an sich legen; denn dieses istunerlaubt, wie einem jeden bekannt ist. — In-dem er dieses sagte, ließ er beide Füße vomBette auf die Erde herab, um in dieser Stel-lung die Unterredung fortzusetzen. Cebes fragte:Wie ist dieses zu verstehen? Sokrates. Es istnicht erlaubt, sagst du, sich selbst zu entleiben,und dennoch soll jeder Weltweise einem Ster-benden gerne nachfolgen?
Wie? Cebes! sprach Sokrates: Du undSimmias, ihr habet beide den Weltweisen Phi-lolaus gehöret, hat er euch denn niemals hiervonetwas gesagt?
Nichts Ausführliches, mein Sokrates!
Nun gut! Ich habe verschiedenes von derSache gehöret, und will euch solches gerne mit-theilen- Mich dünket, wer reisen will, habe Ur-sach, sich »ach der Beschaffenheit des Landes,dahin er zu kommen gedenket, wohl zu erkundi-gen, um sich einen richtigen Begriff davon zumachen- Diese Unterredung ist also meinenjetzigen Umständen angemessen, und was könnteman auch den heutigen Tag bis Sonnen Unter-gang Wichtigeres vornehmen?
Wodurch beweiset man, fragte Cebes, daßder Selbstmord unerlaubt sey? Philolaus undandre Lehrer haben mir zwar vielfältig einge-schärft, daß er verboten sey, aber mehr hat mirniemand davon beygebracht. -
Wohlan! Laß uns versuchen, ob wir nichtein mehrers davon herausbringen können. Wasmeynest du? Cebes! Ich behaupte, daß der
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