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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
305-306
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Moses Mendelssohn.

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Pracht und Ueppigkeit sehe», oder wird er sichmit dem Nothwendigen begnügen und das Ueber-flüßigc nicht achten?

Was man entbehren kann, sprach jener,macht dem Weisen keine Sorgen.

Wollen wir nicht überhaupt sagen, fuhrSokratcs fort, der Weltweise suchet sich allerunnöthigen Leibessorgen zu entschlagen, um mitmehrerer Achtsamkeit der Seele warten zukönnen?

Warum nicht?

Er unterscheidet sich also schon hierin» vonden übrigen Menschen, daß er sein Gemüthnicht ganz von den Leibesangelegenheiten fesselnläßt, sondern seine Seele zum Theil der Ge-meinschaft des Leibes zu entwöhnen suchet.

Es scheinet so.

Der größte Haufe der Menschen, o Sim-mias! wird dir sagen, daß der nicht zu lebenverdiene, wer die Annehmlichkeiten des Lebensnicht gemessen will. Das nennen sie, sich nachdem Tode sehnen, wenn man dem sinnlichenWohlleben absaget und sich aller fleischlichenWollust enthält.

Dieß ist die Wahrheit, Sokratcs!

Ich gehe weiter. Hindert der Körper nichtöfters den Weisheirliebenden sm Nachdenken,und wird er sich sonderlichen Fortgang in derWeisheit versprechen können, wenn er sich nichtvon den sinnlichen Gegenständen zu erheben ge-lernet hat? — Ich erkläre mich — Die Eindrückedes Gesichts und des Gehörs sind, so, wie sieuns von den Gegenständen zugeschickt werden,bloß einzelne Empfindungen, noch keine Wahr-heiten ' denn diese müssen erst mit dem Ver-stände aus ihnen gezogen werden. Nicht?

Allerdings!

Auch als einzelnen Empfindungen ist ihnennicht völlig, zu trauen, und die Dichter singenmit Recht: die Sinne täuschen und begreiffennichts deutlich. Was wir hören und sehen, istvoller Verwirrung und Dunkelheit. Könnenuns aber diese beyden Sinne keine deutlichenEinsichten gewähren: so wird der übrigen weitundeutlichern Sinnen gar nicht zu gedenken seyn.

Freylich nicht.

Wie muß es nun die Seele anfangen, wennsie zur Wahrheit gelangen will? Wo sie sichauf die Sinne verläßt, so ist sie betrogen.

Richtig l

Sie muß also nachdenken, urtheilen, schlies-sen, erfinden; um durch diese Mittel, so vielmöglich, in das wahre Wesen der Dinge ein-zudringen.

2 «!

Aber wann gehet das Nachdenken am bestenvon statten? Mich dünkt, wenn wir uns gleich-sam nicht fühlen, wenn weder Gesicht nochGehör, weder angenehme noch unangenehmeEmpfindungen uns an uns selbst erinnern.Alsdann ziehet die Seele ihre Aufmerksamkeitvon dem Körper ab, verläßt, so viel sie kann,seine Gesellschaft, um, in sich versammelt, nichtden Sinnenschein, sondern das Wesen, nichtdie Eindrücke, wie sie uns zugesühret werden,sondern das, was sie wahres enthalten, zu be-trachten.

Richtig I

Abermals eine Gelegenheit, bey welcher dieKurz, Pros. Llt.

Seele des Weisen den Leib zu meiden, undsich, so viel sie kann, von ihm zu entfernensuchen muß.

Allem Ansehen nach!

5 Um die Sache noch deutlicher zu machen:Ist die allerhöchste Vollkommenheit einbloser Gedanke, ohne äusserlichen Gegenstand,oder bedeutet es ein wirkliches Wesen, dasausser uns vorhanden ist?

1» Freylich ein wirkliches, ausser uns vorhan-denes , schrankenloses Wesen, dem das Daseynvorzugsweise zukommen muß, mein Sokratcs l

Und die allerhöchste Güte, und die aller-höchste Weisheit? Sind diese auch etwas Wirk-15 liches?

Beym Jupiter! ja! Es sind unzertrennlicheEigenschaften des allervollkommensten Wesens,ohne welche jenes nicht da seyn kann.

Wer hat uns aber dieses Wesen kennen ge>20 lehret? Mit den Augen des Leibes haben wires doch nie gesehen?

Gewiß nicht!

Wir haben es auch nicht gehört, nicht ge-fühlt; kein äufferlicher Sinn hat uns je einen.25 Begriff von Weisheir, Güte, Vollkommenheit,Schönheit, Denkungsvermögen, u. s. w. zuge-führet, und dennoch wissen wir, daß diese Dingeausser uns wirklich sind, in dem allerhöchstenGrade wirklich sind. Kann uns niemand er-50 klären, wie wir auf diese Begriffe gekommensind?

Simmias sprach, die Stimme Jupiters,mein lieber Sokratcs! Ich werde mich aber-mals auf dieselbe berufen.

55 Wie? meine Freunde! wenn wir in jenemZimmer eine vortrefliche Flötenstimme höreten,würden wir nicht hinlauffen, den Flötenspielerzu kennen, der unser Ohr so sehr zu ent-zücken weiß?

40 Vielleicht jetzo nicht, lächelte Simmias, dawir hier die vortreflichste Musik hören.

Wenn wir ein Gemälde betrachten, fuhrSokratcs fort, so wünschen wir, die Meister-hand zu kennen, die es verfertiget hat. Nun45 liegt in uns selbst das allervortreflichste Bild,das Götteraugen und Menschenaugcn jemalsgesehen, das Bild der allerhöchsten Vollkom-menheit, Güte, Weisheit, Schönheit, u. s. s.und wir haben uns noch nie nach dem Maler50 erkundigt, der diese Bilder hincingezeichnet?

Cebes erwiederte: Ich erinnere mich einstvom Philolaus eine Erklärung gehört zu haben,»die der Sache vielleicht Genüge thut.

Will Cebes seine Freunde, versetzte Sokra-55 tes, nicht an dieser Hinterlassenschaft'des glück-seligen Philolaus Theil nehmen lassen?

Wenn diese, Iprach Erbes, die Erklärungnicht lieber von einem Sokrakes hören möchten.Doch'es fty l Alle Begriffe von unkörper-60 lichcn Dingen, sprach Philolaus, hat die Seelenicht von den äussern Sinnen, sondern durchsich selbst erlangt, indem sie ihre eigenen Wir-kungen beobachtet, und dadurch ihr eigenesWesen und ihre Eigenschaften kennen lernt. —65 Dieses deutlicher zu machen, habe ich ihn ofteine Erdichtung hinzusetzen hören: .Laßt unsvom Homer, pflegte er zu sagen, die beidenTonnen entlehnen, die in dem Vorsaale Jupi-ters liegen, aber zugleich uns die Freyheit20