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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
307-308
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Moses Mendelssohn.

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auskitten, sie nicht mit Glück und Unglück, son-dern die zur Rechten mit wahrem Wesen, unddie zur Linken mit Mangel und Unwesen an-zufüllen. - So oft die Allmacht Jupiters einenGeist hervorbringen will, so schöpft er aus die-sen beiden Tonnen, wirst einen Blick auf dasewige Schicksal, und bereitet, nach dessen Maß-gebung, eine Mischung von Wesen und Mangel,welche die völlige Grundanlage des künftigenGeistes enthält. Daher findet sich zwischen allenArten von geistigen Wesen eine verwunderns-würdige Aehnlichkeit: denn sie sind alle auseben den Tonnen geschöpft, und nur in derMischung unterschieden. Wenn also unsereSeele, welche gleichfalls nichts anders ist, alseine solche Mischung von Wesen und Mangel,sich selbst beobachtet' so erlanget sie einen Be-griff von dem Wesen der Geister und ihre»Schranken, von Vermögen und Unvermögen,Vollkommenheit und Unvollkommenheit, vonVerstand, Weisheit, Kraft, Absicht, Schön-heit , Gerechtigkeit und tausend andern un-körperlichen Dingen, über welche sie die äus-ser« Sinne in der tiefsten Unwissenheit lassenwürden.

Wie unvergleichlich! versetzte Sokrates.Siehe, Cebes! Du besitzest einen solchen Schatz,und wolltest mich sterben lassen, ohne mir den-selben einmal zu zeigen! — Doch laß sehen,wie wir ihn noch vor dem Tode gemessen wollen.Philolaus sagte also: Die Seele erkennet ihreNebcngeister, indem sie sich selbst beobachtet.Nicht?

Ja!

Und sie erlanget Begriffe von unkörper-lichen Dingen, indem sie ihre eigenen Fähig-keiten auseinander setzt, und jeder, um sie deut-licher unterscheiden zu können, einen besondernNamen giebt?

Allerdings.

Wenn sie aber ein höheres Wesen, als sieselbst ist, einen Dämon z. B. sich denken will,wer wird ihr die Begriffe dazu hergeben?

Cebes schwieg, und Sokrates fuhr fort:Habe ich die Meynung des Philolaus andersrecht begriffen, so kann sich die Seele zwarniemals von einem höhcrn Wesen, als sie selbst5 ist, oder nur von einer höher« Fähigkeit, alssie selbst besitzet, einen der Sache gemäßen Be-griff machen; allein sie kann gar wohl über-haupt die Möglichkeit eines Dinges begreiffen,dem mehr Wesen und weniger Mängel zu Theile10 worden, als ihr selbst, das heißt, welches voll-kommener ist, als sie; oder hast du es vielleichtvom Philolaus anders gehört?

Nein!

Und von dem allerhöchsten Wesen, von der15 allerhöchsten Vollkommenheit hat sie auch nichtmehr, als diesen Schimmer einer Vorstellung.Sie kann das Wesen desselben nicht in seinemganzen Umfange begreiffenaber sie denkt ihreigenes Wesen, das, was sie Wahres, Gutes,20 und Vollkommenes hat, trennet es in Gedankenvon dem Mangel und Unwesen, mit welchemes in ihr vermischt ist, und geräth dadurch ausden Begriff eines Dinges, das lauter Wesen,lauter Wahrheit, lauter Güte und Vollkommen-25 heil ist. -

Apollodorus, der bisher alle Worte des So-krates leise nachgesprochen hatte, gcrieth hierin Entzückung, und wiederholte laut : daslauter Wesen, lauter Wahrheit, lau-30 ter Güte, lauter Vollkommenheit ist.

Und Sokrates fuhr fort: Sehet ihr, meineFreunde! wie weit sich der Weisheitliebcnde vonden Sinnen und ihren Gegenständen entfernenmuß, wenn er das begreiffen will, was zu be-35 greiffen wahre Glückseligkeit ist, das allerhöchsteund vollkommenste Wesen? In dieser Gedanken-jagd muß er Augen und Ohren verschließen.Schmerz und Sinnenlust ferne von seiner Acht-samkeit seyn lassen, und wenn es'möglich wäre,40 seines Leibes ganz vergessen, um desto einsamersich ganz auf seine Seelenvermögen und ihreinnere Wirksamkeit einzuschränken.

Der Leib ist seinem Verstände bey dieser

»> Einige Weltweisc wollen uns durch die Betrachtung demüthigen, daß wir von GOtt nicht wissen, was erist, sondern was ernicht ist, und stellen durch eine unmerklichc Verdrehung die Sache,so vor, als wenn wirvon GOtt und seinen Eigenschaften gar nichts wüßte». Nun ist es nicht zu läugncn, daß wir von dem wahrenBegriffe einer Sache noch weit entfernt sehn können, wen» wir auch wissen, das, sie dieses, oder jenes nicht seh.Allein wie oft ist nicht schon mit Grunde angemerkt worden, daß wir dem vollkommensten Wesen nur Mangel undEinschränkungen absprechen, und diese Art von Verneinungen den Werth wahrer Bejahungen habe! Daß wir zu-weilen für gut finden, die Eigenschaften Gottes »erncinungswcisc auszudrücken, ist eigentlich dem Ursprung unsererBegriffe von GOtt zuzuschreiben, als welche die Verneinung unserer eigenen Mängel und Schwachheiten zum Grundehaben. Das Wort unveränderlich z, B, ist die Verneinung einer Unvollkommenheit, und im Grunde ein posi-tiver Begriff, nehmlich immer dasselbe; aber wir drücken diesen Begriff verneinungüwcise anS, weil wir durchdie Verneinung der uns beywohnenden Veränderlichkeit darauf gekommen sind. In diesem Verstände ist alsoder angeführte Satz »»gegründet, den» unsere Begriffe von GOtt zeige» nicht an, was GOtt nicht ist; sondernwas ihm nicht fehlet. Will man aber nur so viel sagen, daß wir von den positiven Eigenschaften GOttcS keineAnschauung, keine selbstgcfühltc Vorstellung haben; so wird dieses willig zugegeben, jedoch mit Verzicht aufdie Folgen, die mancher aus diesem an sich unschuldigen Satze hat ziehen wollen. Das wenige, was uns von dengöttlichen Eigenschaften bekannt ist, verliert dadurch weder seine Wahrheit noch seine Gewißheit, weder Leben nochUeberzeugung, Könne» wir gleich die Unendlichkeit der göttlichen Vollkommenheiten nie selbst fühlen; so habenwir doch durch die innere Anschauung unserer selbst die Grundlage zu diesen Vollkommenheiten kennen lernen,und diese anschauend erkannte Grundlage mit der hinzugefügten symbolische» Absonderung der Mängel und Ein-schränkungen geben einer Menge von Lehrsätzen und Folgen ihre ausgemachte Gewißheit, Sanndcrson hattekeine selbstgcfühlte Vorstellung vom Lichte; aber die allgemeine AchnUchtcit des Gesichts mit den übrigen Sinnenmachte cS möglich, ih"l einige Merkmale der Lichtstrahlen durch Worte beyzubringen, und die ganze Theorie derOptik, die er seinen Zuhörer» aus diesen Grundbegriffen erklärte, war nichts desto weniger unumstößlich.