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Moses Mendelssohn.
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denn wofern sie den wahren Endzweck ihresDaseyns erfüllen wollen, so müssen sie suchendie Seele vom Leibe zu trennen, und gleichsamin sich selbst zu versammeln. Der Tod ist dieseTrennung, die längstgewünschte Befreiung vonder Gesellschaft des Leibes. Welche Ungereimt-heit also, bey Herannahung desselben zu zittern,sich zu betrüben I Getrost und fröhlich vielmehrmüssen wir dahin reisen, wo wir Hoffnunghaben, unsere Liebe zu umarmen, ich meynedie Weisheit, und des überlästigen Gefährtenlos zu werden, der uns so vielen Kummer ver-ursacht hat. Wie? gemeine und unwissendeLeute, denen der Tod ihre Gebieterinnen, ihreWeiber oder ihre Kinder geraubt, wünschen inihrer Betrübniß nichts sehnlicher, als die Ober-welt verlassen und zu dem Gegenstände ihrerLiebe, oder ihrer Begierden, hinabsteigen zu kön-ne» : und diese, die gewisse Hoffnung haben,ihre Liebe nirgend in solchem Glänze zu er-blicken, als in jenem Leben, diese sind vollerAngst? diese beben? und treten nicht vielmehrmit Freuden die Reise an? O nein! meinLieber! nichts ist ungereimter, als ein Welt-weiser, der den Tod fürchtet.
Beym Jupiter! ganz vortreflich, rief Sim-mias.
Zittern und voller Angst seyn, wann derTod winkt, kann dieses nicht für ein untrüg-liches Kennzeichen genommen werden, daß mannicht die Weisheit, sondern den Leib, das Ver-mögen , die Ehre oder alle drey zusammenliebet?
Ganz untrüglich.
Wem geziemet die Tugend, die wir Mann-haftigkeit nennen, mehr als dem Weltweisen?
Niemanden!
Und die Mäßigkeit, diese Tugend, die inder Fertigkeit bestehet, seine Begierden zu be-zähmen, und in seinem Thun und Lassen ein-gezogen und sittsam zu seyn, wird sie nichtvornehmlich bey dem zu suchen seyn, der seinenLeib nicht achtet, und blos in der Weltweisheillebt und webt?
Nothwendig, sprach er.
Aller übrigen Menschen Mannhaftigkeit undMassigkeit wird dir ungereimt scheinen, wenndu sie näher betrachtest.
Wie so? mein Sokrates!
Du weißt, versetzte er, daß die mchrestcnMenschen den Tod für ein sehr groses Uebelkalten.
Richtig, sprach er.
Wenn also diese, so genannten tapfern undmannhaften Leute, unerschrocken sterben, so ge-ichiehcr es bloß aus Furcht eines noch größer»Uebels.
Nicht anders.
Also sind alle Mannhafte», außer den Welt-weisen, bloß aus Furcht unerschrocken. Ist abereine Unerschrvckenheit aus Furcht nicht höchstungereimt?
Dieses ist nichr leugnen.
Mir der Mäßigkeit hat es dieselbe Beschaf-fenheit. Aus Unmäßigkcit leben sie mäßig undenthaltsam. Man sollte dieses für unmöglichhalten, und dennoch trifft es bey dieser unver-nünftigen Mäßigkeit völlig ein. Sie enthaltensich gewisser Wollüste, um andere, nach welchen
sie gieriger sind, desto ungestörter gemessen zukönnen. Sie werden Herren über jene, weilsie von diesen Knechte sind. Frage sie, sie wer-den dir freylich sagen, sich von seinen Begierdenbeherrschen zu lassen, sey Unmäßigkeit: alleinsie selbst haben Kie Herrschaft über gewisse Be-gierden nicht anders erlangt, als durch die Skla-verei) gegen andere, die noch ausgelassener sind.Hcisset nun dieses nicht gewissermassen aus Un-mäßigkeit enthaltsam seyn?
Allem Ansehen nach.
O mein theurer Simmias! Wollust gegenWollust, Schmerz gegen Schmerz, und Furchtgegen Furcht vertauschen, gleichsam, wie Münze,für ein groses Stück viele kleine einwechseln:dieß ist nicht der Weg zur wahren Tugend.Die einzige Münze, die gültig ist, und fürwelche man alles andere hingeben muß, ist dieWeisheit. Mit dieser schafft man sich alle übri-ge Tugenden an: Tapferkeit, Mäßigkeit, undGerechtigkeit. Ueberhaupt bey der Weisheit istwahre Tugend, wahre Herrschaft über die Be-gierden, über die Verabscheuungen, und überalle Leidenschaften: ohne Weisheit aber erlangetman nichts, als einen Tausch der Leidenschaftengegen eine leidige Schattcntugend, die dem LasterSklavendienste thun muß, und an sich selbstnichts Gesundes und Wahres mit sich führet.Die wahre Lugend ist eine Heiligung der Sit-te», eine Reinigung des Herzens, kein Tauschder Begierden. Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Mann-haftigkeit Weisheit, sind kein Tausch der Lastergegen einander. Unsere Vorfahren, welche dieTe leren oder die vollkommenen Versöh-nungsfeste gestiftet, müssen, allem Ansehennach, sehr weise Männer gewesen seyn: dennsie habe» durch diese Räthsel zu verstehen ge-ben wollen, daß, wer unversöhnt und ungehei-liget die Oberwelt verläßt, die härteste Strafeauszustehen habe: der Geläuterte und Ver-söhnte aber nach seinem Tode unter den Götternwohnen werde. Die mit diesen Versöhnungs-geheimnissen umgehen, pflegen zu sagen: Esgiebt viele Thyrsusträger, aber wenigBegeisterte: und meines Trachtens verstehetman unter den Begeisterten diejenigen, die sichder wahren Weisheit gewiedmet. Ich habe inmeinem Leben nichts gespart, sondern unabläßiggestrebt, einer von diesen Begeisterten zu sein;ob mein Bemühen fruchtlos gewesen, oder inwie weit mir mein Vorhaben gelungen, werdeich da, wo ich hinkomme, am besten erfahren,und so Gott will, in kurzer Zeit. -
Dieses ist meine Vertheidigung, Simmiasund Ccbes! warum ich meine besten Freundehienieden ohne Betrübniß verlasse, und bey Her-annahung der Todesstunde so wenig zittere. Ichglaube, allda bessere Freunde und ein besseresLeben zu finden, als ich hier zurück lasse, sowenig auch dieses beym gemeinen Haufen Glau-ben finden wird.
Hat nun meine jetzige Schutzrede bessernEingang gefunden, als jene, die ich vor denRichtern der Stadt gehalten, so bin ich voll-kommen vergnügt.
Sokrates hatte ausgeredet, und Cebes er-griff das Wort: Es ist wahr, Sokrates! duhast dich vollkommen gerechtfertiget: allein wasdu von der Seele behauptest, muß vielen
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