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Moses Mendelssohn.
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Untersuchung nicht nur ein unnützlicher, sondernauch ein beschwerlicher Gesellschafter: denn jetztsucht er weder Farbe noch Größe, weder Tönenoch Bewegung, sondern ein Ding, das allemögliche Farben, Größen, Töne und Bewegun-gen, und was noch weit mehr ist, alle möglicheGeister sich aufs deutlichste vorstellet, und inallen ersinnlichen Ordnungen hervorbringen kann-Welch ein unbehülflicher Gefährte ist der Kör-per auf dieser Reise?
Wie erhaben! rief Simmias, aber auch wiewahr!
Die wahren Weltweisen, sprach Sokrates,die diese Gründe in Erwägung ziehen, könnennicht anders, als diese Meynung hegen, undeiner zum andern sprechen: Siehe! hier ist einIrrweg, der uns immer vom Ziele weiter wegführet, und alle unsere Hoffnungen vereitelt.Wir sind versichert, daß die Erkenntniß derWahrheit unser einziger Wunsch sey. Aber solange wir uns hier auf Erden mit dem Leibeschleppen; so lange unsere Seele noch mit die-ser irdischen Seuche behaftet ist: können wiruns unmöglich schmeicheln, diesen Wunsch ganzerfüllt zu sehen. Wir sollen die Wahrheit su-chen. Leider! läßt uns der Körper wenigMuße zu dieser wichtigen Unternehmung. Heutefordert sein Unterhalt unsere ganze Sorge;morgen fechten ihn Krankheiten an, die unsabermals stören; sodann folgen andere Leibes-angelegenheiten, Liebe, Furcht, Begierden, Wün-sche, Grillen und Thorheiten, die uns unauf-hörlich zerstreuen, die unsere Sinnen von einerEitelkeit zur andern locken, und uns nach demwahren Gegenstände unserer Wünsche, nach derWeisheit, vergebens schmachten lassen. Wererregt Krieg, Aufruhr, Streit und Uneinigkeitunter den Menschen? wer anders, als der Kör-per, und seine unersättlichen Begierden? Denndie Habsucht ist die Mutter aller Unruhen, undunsere Seele würde niemals nach eigenthüm-lichen Besitzungen geizen, wenn sie nicht für diehungrigen Begierden ihres Leibes zu sorgenhätte. Solchergestalt sind wir die meiste Zeitbeschäfftiget, und haben selten Muße zur Welt-weisheit- Endlich, erzielet man auch irgend einemüßige Stunde, und macht sich bereit, die Wahr-heit zu umarmen: so stehet uns abermals dieserStörer unserer Glückseligkeit, der Leib, im Wege,und bietet uns seine Schatten, statt der Wahr-heit, an. Die Sinne halten uns, wider unsernDank, ihre Schcinbilder vor, und erfüllen dieSeele mit Verwirrung, Dunkelheit, Trägheitund Aberwitz: und sie soll in diesem allgemeinenAufruhr gründlich nachdenken und die Wahrheiterreichen? unmöglich! Wir müssen also dieseligen Augenblicke abwarten, in welchen Stillevon Aussen und Ruhe von Innen uns das Glückverschafft, den Leib völlig aus der Acht zu schla-gen, und mit den Augen des Geistes nach derWahrheit hinzusehen. Aber wie selten, und wiekurz sind auch diese seligen Augenblicke! —
Wir sehe» ja deutlich, daß wir das Zielunserer Wünsche, die Weisheit, nicht eher er-reichen werden, als nach unserm Tode: beymLeben ist keine Hoffnung dazu. Denn kannanders die Seele, so lange sie im Leibe wohnet,die Wahrheit nicht deutlich erkennen, so müssenwir eines von beiden fetzen : entweder, wir wer-
den sie niemals erkennen, oder, wir werden sienach unserm Tode erkennen, weil die Seelealsdann den Leib verläßt, und vermuthlich indem Fortgange zur Weisheit weit weniger auf-5 gehalten wird. Wollen wir uns aber in diesemLeben zu jener seligen Erkenntniß vorbereiten,so müssen wir unterdessen dem Leibe nicht mehrgewähren, als was die Nothwendigkeit erfor-dert: wir müssen uns seiner Begierden und10 Lüste enthalten, und uns, so oft als möglich,im Nachdenken üben, bis es dem Allerhöchstengefallen wird, uns in Freyheit zu setzen. Als-dann können wir hoffen, von den Thorheitendes Leibes befreyet, die Quelle der Wahrheit,15 das allerhöchste und vollkommenste Wesen, mitläutern und heiligen Sinnen zu beschauen, in-dem wir vielleicht andere neben uns derselbenGlückseligkeit gemessen sehen. - Diese Sprache,mein lieber Simmias! dürfen die wahren Wis-20 sensbegierigen unter einander führen, wenn siesich von ihren Angelegenheiten besprechen, unddiese Meynung müssen sie auch hege», wie ichglaube; oder dünkt es dich anders?
Nicht anders, mein Sokrates !
25 Wenn aber dem also ist, mein Lieber! hatein solcher, der mir heute nachfolget, nicht groseHoffnung, da, wo wir hinkommen, besser alsirgendwo, das zu erlangen, wornach er im ge-genwärtigen Leben so sehr gerungen?
30 Allerdings!
Ich kann also meine Reise heute mit guterHoffnung antreten, und jeder Wahrheitlieben-der mit mir, wenn er bedenkt, daß ihm ohneReinigung und Vorbereitung kein freyer Zu-35 tritt zu den Geheimnissen der Weisheit ver-stattet wird.
Dieses kann nicht geleugnet werden, sprachSimmias.
Die Reinigung aber ist nichts anders, als40 die Entfernung der Seele von dem Sinnlichen,und anhaltende Uebung über das Wesen unddie Eigenschaften der Seele selbst Betrachtungenanzustellen, ohne sich darin» etwas, das nichtdie Seele ist, irren zu lassen: mit einem Worte,45 die Bemühung, sowohl in diesem als in demzukünftigen Leben, die Seele von den Fesselndes Leibes zu befreyen, damit sie ungehindertsich selbst betrachten, und dadurch zur Erkennt-niß der Wahrheit gelangen möge-50 Allerdings I
Die Trennung des Leibes von der Seelenennet man den Tod.
Freylich.
Die wahren Liebhaber der Weisheit wenden55 also alle ersinnliche Mühe an, sich dem Tode,so viel sie können, zu nähern, sterben zu ler-nen. Nicht?
Es scheinet so-
Wäre es nun aber nicht höchst ungereimt,60 wenn ein Mensch, der in seinem ganzen Lebennichts gelernet, als die Kunst zu sterben, wennein solcher, sage ich, zuletzt sich betrüben wollte,da er den Tod sich nahen sieht: wäre es nichtlächerlich?
65 Unstreitig.
Also, Simmias! muß den wahren Welt-weisen der Tod niemals schrecklich, sondern alle-zeit willkommen seyn. Die Gesellschaft des Leibesist ihnen bey allen Gelegenheiten beschwerlich: